Im internationalen High-End-Kosmos gibt es Namen, die sofort mit Prestige und großen Worten assoziiert werden – und auch solche, die sich still, aber stetig einen festen Platz in den Hörzimmern anspruchsvoller Hörerinnen und Hörer erarbeitet haben. ATOLL Electronique gehört ganz ohne Zweifel zur zweiten Kategorie. Nicht, weil es der französische Hersteller etwa an Kompetenz fehlen ließe – ganz im Gegenteil. Sondern weil man sich in der Normandie offenbar seit über 25 Jahren lieber mit Schaltplänen als mit Marketing beschäftigt. Die Brüder Stephane und Emmanuel Dubreuil, die ATOLL 1997 gründeten, setzen seitdem unbeirrt auf Werte wie Eigenfertigung, technische Klarheit und ein Verhältnis zur Musik, das weniger mit Pose als mit Passion zu tun hat.
Wer einmal durch das beschauliche Brecey fährt, wo sich das Firmengelände von ATOLL befindet, würde nicht unbedingt vermuten, dass dort ein europäischer HiFi-Hersteller beheimatet ist, dessen Produkte so nach und nach auch weltweit im Gespräch sind – bei audiophilen Einsteigern ebenso wie bei erfahrenen Hörern mit hohem Anspruch. Und doch entsteht hier, fernab großer Industriezentren eine komplette HiFi und High End Audio Produktlinie: Verstärker, CD-Player, Streamer, D/A-Wandler – durchweg entworfen, gebaut und getestet in Frankreich.
Es ist eine Art französischer Pragmatismus, der in jeder Komponente mitschwingt. Kein unnötiger Zierrat. Keine überzogenen Designexperimente. Dafür eine klare Sprache, die sich eher an Funktionalität und Langzeitqualität orientiert als am nächsten Marketingtrend – sehr sympathisch. Und eine Firmenkultur, in der man technische Weiterentwicklung als permanente, aber ruhige Weiterentwicklung begreift und nicht als hektischen Wettlauf. Der neue Vollverstärker Atoll IN400 Evolution in der Preisklasse um 5.000 Euro ist in der Tat ein sehr gutes Beispiel dafür…
Vollverstärker Atoll IN400 Evolution – Technik und Haptik
Wer ein Gerät von ATOLL in Empfang nimmt, spürt diese Haltung bereits beim ersten Kontakt. Der Begriff „noch einigermaßen kompakt“ ist hier höchstens im architektonischen Sinne zutreffend. Denn was die Franzosen unter einem „großen“ integrierten Verstärker verstehen, hat richtig Gewicht – buchstäblich. Wer den IN400 Evolution ohne Vorbereitung anhebt tut gut daran, vorher kurz innezuhalten und die Beine zu beugen. Dieses Gerät protzt durch seine schiere „Dichte“. Alles daran fühlt sich massiv an: Das Gehäuse, die Knöpfe, selbst die Lautsprecherklemmen wirken wie aus einem anderen Aggregatzustand. Es dauert nicht lange, bis man versteht: Hier wurde weder an Material noch an Überzeugung gespart. Der ATOLL IN400 Evolution markiert innerhalb des Portfolios der Franzosen die Spitze der Vollverstärker und setzt sich hinsichtlich Aufbau und Ausstattung deutlich von den „kleineren“ Serien ab.
Das Gehäuse lässt keine Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Ansatzes. Die Frontplatte aus zehn Millimeter starkem Aluminium ist ebenso kompromisslos wie die großzügig (und aus dem „vollen“ gefrästen!!) Kühlkörper an den Seiten, die zurückhaltend als auch gleichzeitig martialisch anmuten. Der IN400 Evolution setzt auf eine richtig „analoge“ Class-A/B-Schaltung, bei der das massive Gehäuse eine funktionale Rolle in der passiven Kühlung übernimmt. Im Inneren des Gerätes zeigt sich die Ingenieurskunst von ATOLL in ihrer ganzen Pracht. Das Herzstück bildet ein richtig fetter Ringkerntransformator mit 1050 VA (!!) – ab diesem Punkt spielt sich alles weitere in einer echten Dual-Mono-Konfiguration ab, was für eine saubere Kanaltrennung sorgt.
Die Pufferelkos mit sage und schreibe 96.680 µF Kapazität (!!) ergeben ein Energiepolster, das definitiv bemerkenswert ist. Technisch gesehen setzt ATOLL beim IN400 Evolution auf eine komplett diskrete Schaltung – auf Operationsverstärker wird konsequent verzichtet; die Vorstufe arbeitet in Class A. Am Ende übernehmen sechzehn MOSFET-Leistungstransistoren (je acht pro Kanal) den Endstufenjob – diese sind bekannt für ihre Stromlieferfähigkeit und thermische Robustheit – außerdem sagt man ihnen ein „röhrenähnliches“ Klangbild nach. Wir werden sehen…
Auch die Anschlussvielfalt des IN400 Evolution verdient Aufmerksamkeit: Fünf unsymmetrische Cinch-Eingänge stehen bereit, flankiert von einem XLR-Pärchen für symmetrische Quellen. Für AV-Enthusiasten gibt es einen Bypass-Eingang. Ergänzt wird das Ganze durch zwei Pre-Outs. „Vorne“ gibt es noch einen Kopfhöreranschluss (6,35er Klinke) – hintendran steckt ein „echter“ Kopfhörerverstärker.
Wer es gerne modular mag, wird auch fündig: Optional kann der große ATOLL mit einem DAC-Modul bestückt werden, das digitale Eingänge wie Koaxial, Toslink, USB und auch Bluetooth bietet. Auch ein Phonomodul lässt sich nachrüsten – das allerdings zu Ungunsten eines Cinch-Lineeingangs. Mein Testexemplar kam sowohl ohne Phono- als auch ohne DAC-Modul.
Zur Gesamtkomposition kommt noch eine schöne Fernbedienung im passenden Aluminiumkleid dazu. Das OLED-Display auf der Front als auch die beleuchteten Regler (abschalt/farblich umschaltbar) informieren dabei nüchtern, aber stilvoll über Eingangsstatus und Lautstärke.
Vollverstärker Atoll IN400 Evolution – technische Daten
- 2 XLR-Eingänge
- 5 Line-Eingänge: AUX oder PHONO (optional), CD, TUNER, DVD, TAPE
- 1 BYPASS-Eingang
- 1 Kopfhörerbuchse 6,35 mm
- Leistung: 2×160 W / 8 Ohm (2×300 W / 4 Ohm)
- Frontplatte: Aluminium, 10 mm Dicke. Schwarz oder Silber
- Kapazität der Kondensatoren: 96.680 µF
- Frequenzgang (-3 dB): 5 Hz – 100 kHz
- Anstiegszeit: 2 µs
- Eingangsimpedanz: 357 kΩ
- Empfindlichkeit: 450 mV
- Signal-Rausch-Verhältnis: 100 dB
- Klirrfaktor bei 1 kHz: 0,05 %
- Ringkerntrafo 1050 VA
- Standby-Verbrauch (niedriger Verbrauch): < 0,5 Watt
- Abmessungen: 440×370×130 mm
- Optional: Digitales Eingangsmodul, Phonomodul
- Gewicht: 19,5 kg
Vollverstärker Atoll IN400 Evolution – Klang
Es ist einer der Abende, an denen sich Zeit „dehnt“. Kein Zeitdruck, keine E-Mails, kein Grund, irgendetwas zu tun außer Musik zu hören. Solche Momente sind leider viel zu selten geworden; und werden deswegen immer wertvoller… Der IN400 Evolution ist schon lange warmgelaufen, die erste Platte liegt bereit, das Glas Wein (Vernaccia di San Gimignano, gekühlt natürlich!) steht da – es kann endlich losgehen.
Alles beginnt mit Charlotte Gainsbourg und ihren Album „IRM“, das von Beck produziert wurde und bei dem man nie ganz weiß ob man sich gerade in einem Schlafzimmer in Paris oder einem Tonstudio in Kalifornien befindet.
Kaum sind die ersten Takte von „Master`s Hand“ verklungen, wird klar: Der ATOLL IN400 Evolution hat etwas Unbestechliches an sich. Die Klangbühne öffnet sich breit, aber nicht ins Dramatische gezogen – eher wie ein Vorhang, der mit einer ruhigen, kontrollierten Geste zur Seite geschoben wird. Dann, wie aus dem Nichts – kennt man das Album nicht, ist das definitiv ein Schreckmoment – die Drums scheinen, nein nicht scheinen, sie kommen tatsächlich von völlig außerhalb der Lautsprecherachse – eben nicht von vorne – sondern von links neben dem Hörplatz in einer Höhe von etwas mehr als einem Meter. Eine von Beck`s Klangspielereien, die fast unwirklich rüberkommen, weil man so etwas überhaupt nicht erwartet. Der ATOLL IN400 Evolution stellt diese Drums von „links oben“ so dermaßen echt dar, dass dieser Song, wenn man ihn etwa einem Menschen vorspielt der einen Herzschrittmacher trägt, diesen doch lieber vorwarnen sollte.
Gainsbourgs Stimme steht da, mit Haltung, ohne zu wanken, keine Spur von künstlichem Glanz. Die Bässe haben Gewicht, aber kein Übergewicht. Sie greifen an und ziehen sich zurück wie gut erzogene Gäste. Und über allem liegt diese Klarheit, die nichts betont, aber auch nichts kaschiert. „Le Chat du Cafe des Artistes“ wird zur akustischen Milieustudie: Kontrabass, Vibraphon, Stimme, alles hat seinen Platz alles atmet. Der ATOLL IN400 Evolution macht keine große Show – aber genau das ist die große Show; man ertappt sich dabei, wie man den Track zum dritten Mal hört, einfach weil man jedes Mal ein anderes Detail entdeckt. Und bei alledem ist es kein analytisches Hören mit dem ATOLL – es ist eher, als würde einem jemand die Brille putzen, die man gar nicht als beschlagen bemerkt hatte.
Für etwas Kontrast sorgt im weiteren Verlauf der vielen folgenden Hörabende unter anderem etwas mit deutlich mehr Kalorien: „Run the Jewels 4“ von „Run the Jewels“. Eine Klangwand aus Beats, Bässen und ungeniertem Zorn. Und hier zeigt sich, dass der Franzose nicht nur feine Manieren, sondern auch Muckis hat. Die Kickdrums in „Yankee and the Brave“ krachen mit einem Selbstbewusstsein aus den Lautsprechern, das richtig erwachsen ist. Auf den Punkt. Der ATOLL IN400 Evolution versucht nicht, kraftvoll zu sein – er ist es.
Es ist eine Art mühelose Autorität, eher wie ein Türsteher, der keine Sonnenbrille braucht um Respekt einzuflößen. Bei „Walking in the Snow“ zieht sich die Bühne in die Tiefe, während die Stimmen links und rechts durch den Raum wandern – man wird nicht überwältigt, sondern eiskalt mitten hineingesetzt. Uff. Bei aller Energie bleibt alles klar, sortiert, definiert. Kein Bass schwimmt, kein Höhengeplätscher, selbst die aggressivsten Passagen haben Struktur. Haben Sie sich jemals gefragt, ob französische Verstärker Hip-Hop-Rap können? Sie können es. Und zwar mit Stil und Kraft.
Wenn`s mal wieder spät geworden ist, sinkt die Pegelkurve. Nun darf Musik fließen, statt zu hämmern. „Ronroco“ von Gustavo Santaolalla ist ein leises Album, ein akustisches Flussbett mit kleinen Verwirbelungen, glasklar und nie statisch. Der IN400 Evolution backt jetzt lautstärketechnisch kleinere Brötchen. Die Instrumente wirken kleiner, intimer, aber nicht weniger präsent. Der feine Anschlag auf den Saiten, das leise Klopfen eines Fingergelenks am Instrumentenkorpus, das Einatmen zwischen zwei Phrasen – alles ist genau dort, wo es hingehört.
Der ATOLL tritt klanglich nicht spektakulär auf. Aber genau deswegen hört man so genau hin. Nicht, weil man analysieren will, sondern weil der IN400 Evolution so aufrichtig spielt, dass man gar nicht anders kann. Die Musik wird nicht „widergespiegelt“ sondern dargeboten. Keine Bühnenbeleuchtung, keine künstliche Tiefe – aber eben auch keine milchige Glasscheibe zwischen Hörer und Quelle. Wenn jemand sagt „der Verstärker lässt die Musik atmen“ – dann meint er genau das.
Ein Klassiker darf natürlich auch nicht fehlen – man hat schließlich auch Gäste, die wissen wollen, wie ein Verstärker mit „sauberen“ Produktionen umgeht. „Aja“ von Steely Dan ist ein Referenzalbum, nicht weil es trocken oder gar „audiophil“ wäre, sondern weil es klanglich so gut organisiert ist wie ein Schweizer Uhrwerk auf Valium. Jede Note sitzt, jeder Hall ist komponiert, jedes Saxophon weiß genau, wann es auftaucht und wann es sich wieder verabschiedet.
Der ATOLL IN400 Evolution nimmt das mit einem leisen Nicken zur Kenntnis – er scheint diese Art von Material zu mögen. Die Hi-Hat in „Deacon Blues“ hat eine metallische, aber nie scharfe Präsenz. Der Bass bleibt entspannt aber definiert, die Gitarren zeichnen sich scharf ab, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Und über allem schwebt die Stimme von Donald Fagen, so nüchtern wie eh und je, aber glasklar fokussiert. Der ATOLL vermittelt keinen Glamour, aber er versteht Struktur. Er macht aus Studioarchitektur keine Opernbühne sondern ein Tonstudio, in dem man das Licht dimmen und die Lautstärke erhöhen möchte – aus Respekt, nicht aus Geltungsdrang.
Bis jetzt habe ich den Kopfhöreranschluss nicht erwähnt – sorry dafür, das hat er nicht verdient. Er ist nämlich richtig hochwertig und zeichnet sich gleichfalls durch Kraft und Finesse aus. Außerdem hat er den härtesten aller Tests locker bestanden: meinen Kopfhörer von HiFiMAN, den Edition XS mit seinen 16 Ohm Impedanz (!) – eine Herausforderung für jeden Kopfhörerverstärker. Ein solch niederohmiger Kopfhörer braucht eines: Strom und nochmals Strom, damit er Bass erzeugen kann und gleichfalls nicht verzerrt. Der Kopfhörerausgang des ATOLL IN400 Evolution kann das locker – zwar nicht ganz bis zu „ohrenerschütternden“ Lautstärken, aber wer braucht das schon, klanglich ist das Top.
Vollverstärker Atoll IN400 Evolution – Fazit
Der High End Vollverstärker ATOLL IN400 Evolution gibt sich keine Mühe, jedem zu gefallen – genau darin liegt sein Reiz. Kein Display-Zirkus, kein Digital-Overkill, kein stromlinienförmiger Lifestyle-Kram. Stattdessen massives Aluminium, Dual-Mono-Signalführung (ab Trafo), diskret aufgebaute Class-A/B-Schaltung mit Mosfets („Feldeffekttransistoren“) und Leistungsreserven wie ein Wildpferd auf Stalldienst – jederzeit abrufbar, aber unter Kontrolle.
Und klanglich? Der IN400 Evolution bleibt aufrecht neutral. Nie kühl. Nie weichgespült. Er baut eine große Bühne, die Ortung darin gelingt mühelos. Stimmen stehen greifbar im Raum und Instrumente bekommen viel Luft. Im Antritt kraftvoll wie ein Boxer im ersten Rundengong aber mit der Fähigkeit, sich ebenso sanft zurückzunehmen, wenn es leise, fein und innig werden darf. Dynamik ohne Drama, Kontrolle ohne Härte – ein Charakter, der trägt.
Er ist kein Blender, der Franzose. Kein Everybody`s Darling. Er ist eher der ruhige Zeitgenosse in der Ecke der Party, der nur auf den ersten Blick vielleicht ein wenig untergeht – aber beim zweiten weiß man: Der bleibt interessant. Und hat mehr Tiefgang als die meisten anderen. Chapeau, ATOLL!
Im Test
High End Vollverstärker
Atoll IN400 Evolution
Preis: 5.400 €
Größe: 44,0*37,0*13,0 cm (b*t*h)
Gewicht: 19,5 kg
Gehäuse: Schwarz
Front: Aluminium Silber oder Schwarz
Optional:
Atoll DA200 Digitales Eingangsmodul
Preis: 385 €
Atoll P100 Phonomodul MM/MC
Preis: 150 €
Vertrieb
AUDIUM / Visonik
Catostr. 7b
12109 Berlin
Tel.: +49 030 613 47 40
Mail: kontakt@visonik.de
Web: www.audium.com/
Mitspieler im Test
Quellen digital – Netzwerkspieler Olive Audio 4HD, CD-Spieler AMR CD-777, Streamer WIIM Pro
Quellen analog – Plattenspieler Dr. Feickert Audio Blackbird mit Tonabnehmer EMT HSD006
Phono MM- & MC Verstärker Cyrus Signature Phono (mit PSX-R), Übertrager von Phasemation
Verstärker – Vollverstärker Circle Labs A 200, Copland CSA 150
Lautsprecher – Standlautsprecher Phonar Veritas p9.2 NEXT, Paradigm Founder 80f
Zubehör – Kabel von Horn Audiophiles, A23, HMS, Isotek, Boaacoustic, Tellurium Q
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