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Musik-Tipp

Musik-Tipp: Bianca Stücker & Mark Benecke – Abysmal Affairs

Victoriah SzirmaiBy Victoriah Szirmai13. Februar 2026

Schattenreiches Weitererzählen

Bianca Stücker & Mark Benecke | Abysmal Affairs

(Eygennutz Records)

Was vielleicht selbst der treueste Leser unter Ihnen nicht weiß: Neben einer Vorliebe für Jazz und Soul hege ich eine mindestens ebenso große für allerlei Dunkelfunkelndes und Leonardcoheneskes, kurz: für die Nachtsaiten der Musik.

Cover-Stücker-und-Benecke-Abysmal-Affairs

Da kommt mir Abysmal Affairs, die zwischen Dark Wave und Folk Noir irrlichternde EP von Bianca Stücker und Mark Benecke, gerade recht – den schwarzherzigen Nachtgestalten unter Ihnen hoffentlich auch. Und natürlich all jenen, die Coverversionen lieben und sammeln – auch, wenn ich mir beim ersten Hören nicht sicher war, ob wir es hier mit Genialität oder nicht doch eher mit Frevel, ja: Sakrileg zu tun haben.

Schließlich haben Stücker und Benecke auf ihrer mittlerweile vierten EP Stücke von Nick Cave & PJ Harvey, den Einstürzenden Neubauten sowie Hank Williams ge… ja, was eigentlich? Gecovert? Interpretiert? Radikal neugedacht und -gemacht? Oder doch eher durch den Wolf gedreht und verwurstet? Beim ersten Hören, soviel sei an dieser Stelle verraten, neigt man letzterem zu, doch je öfter die EP durchläuft, und das tut sie allein ob ihrer Kürze – drei Original-Songs und drei Remixe – sehr oft, desto mehr verfängt man sich in den dunklen Klangkosmen des Duos, die einen zunehmenden Sog entfalten und nicht zuletzt selige Wave-, von Cold bis Dark, -welten und damit ein Stück der eigenen musikalischen Sozialisation heraufbeschwören, sofern diese denn in den kühlglitzernden Eighties stattfand.

Die klingen dann schon mal wie eine verhängnisvolle Affaire der kunstvoll keltischen Musik einer Loreena McKennitt samt all ihrer Borduntöne, quintparalleler Stimmführungen, modaler Tonarten und archaischer Rhythmen – prägen hier doch historische Instrumente wie Nyckelharpa, Hackbrett, Clavichord und Rauschpfeife aus Stückers Sammlung den Sound, erstmals ergänzt durch die suggestiv raunende Flöte Beneckes – mit gegenwärtigen Weird-Folkern à la CocoRosie und klangverwandten Kreaturen, mal wie der Soundtrack der damaligen großen Ku’damm-Diskotheken wie Linientreu oder Far Out – und natürlich das Sound im Tiergarten, wohin es die damaligen Goths regelmäßig verschlug.

Stücker-und-Benecke

Den Auftakt machen Stücker und Benecke mit einem in schattenverzaubert-dämmertrunkene Märchenwälder entführenden „Sabrina“, das der Soundtrack zum klandestinen Lagerfeuerchen des Räuberhauptmanns und seiner Mannen sein könnte: Über Fiedel-dominierter, keltisch-archaischer Festgelage-Instrumentierung, die im krassen Gegensatz zum reduzierten Original der Neubauten steht, sowie zwischen Archaik und Industrial streunenden Rhythmen schweben Stückers soghafte Vocals, konterkariert von der tiefergelegten Stimme Beneckes, der hier an Cave, Cohen & Co. erinnert – hätten diese nur mehr Kraftwerk gehört. Wunderbar!

Mit „Henry Lee“ dagegen habe ich mich wirklich schwergetan. Das liegt weniger an Stücker und Benecke, sondern mehr daran, dass ich eine große Aficionada des akustikpianogetriebenen Originals von Nick Cave und P.J. Harvey (1996) bin – nicht zuletzt ob der vermeintlich unschuldig-süßen Melodieführung, welche die Murder Ballad-Lyrics mal ad absurdum führt, mal umso deutlicher herausstellt, und natürlich der unfassbaren Harmonie zwischen Cave und Harvey. Bei Stücker und Benecke hat man durch den unruhigen Untergrund so manches Mal das Gefühl, als würden sie gegen die Melodie ankämpfen: Das ist dann ein bisschen so, wie die im Salon des Edelkreuzers aufgeschnappten klassischen Melodien, die zur späten Stunde im Maschinenraum durch die feierwütige Belegschaft ein Eigenleben entwickeln und mit dem Original nur noch wenig zu tun haben. Schwere Kost – doch je öfter man Stücker & Beneckes „Henry Lee“ hört, desto lieber wird es einem – und desto mehr vermisst man den brodelnden, so gar nicht und eben doch genau dazu passenden Untergrund, den die Neuinterpretation dem Stück bietet, sobald man wieder das Original hört.

„I’m So Lonesome I Could Cry” sticht aus der bisherigen Dämmertrunkenheit der EP heraus. Hat Hank Williams trotz eines vordergründig fröhlichen Country-Beats eine Hymne auf tiefe Verzweiflung, Sehnsucht und Einsamkeit geschrieben, inspiriert durch seine schwierige Ehe, würde die stücker-benecke’sche Interpretation so gar nichts Dunkles an sich haben, verfügte sie nicht über diese gewisse Schmutzigkeit, zuvorderst geschuldet Beneckes rauem Organ. Der im Gegenzug zum Original extrem verlangsamte, schleppende Rhythmus dagegen könnte gar sinnlich sein, wäre er nicht so verschlafen. So aber ist Stücker und Benecke ihre Interpretation zu einer Art Lullaby noir geraten, das nicht nur die Songtrilogie passend beschließt – sondern gleichzeitig den drei Remixen die Tür öffnet, welche die EP um gleichzeitig tanzbare und mystische Facetten erweitern.

Stücker-und-Benecke

Die Remixe wirken wie ein Miniaturtriptychon aus Spiegelungen und Verschiebungen: „Sabrina“ erscheint gleich doppelt, einmal kühl verdichtet im Solar-Fake-Remix, der dem Stück ein dunkel-industrielles und doch edel glimmerndes Disco-Pulsieren verleiht, dann wieder weit und schwebend in Bianca’s Pleiades-Remix, wo sich das Material, einmal mehr heidnisch konnotiert, beinahe kosmisch auffächert und mehr Ahnung als Aussage bleibt. Dazwischen „Henry Lee“ im Qntal-Remix – weniger Mordballade als rituell grundierte Beschwörung, getragen von elektronischer Andacht und kontrollierter Dramatik. Zusammen gelesen erzählen sie davon, wie formbar Erinnerung ist: dieselbe Stimme, derselbe Kern, aber jedes Mal ein anderes Licht, ein anderer Schatten, ein anderer Atem.

Am Ende bleibt Abysmal Affairs eine jener Veröffentlichungen, die sich weniger hören als bewohnen lassen: eine kurze, aber dichte Nachtwanderung durch vertraute und verfremdete Klanglandschaften, in denen Erinnerung, Sozialisation und ästhetisches Wagnis ineinandergreifen. Stücker und Benecke verlangen ihren Vorlagen Respekt ab, indem sie ihn riskieren – und genau darin liegt die Stärke dieser EP. Kein gefälliges Tribute, kein nostalgisches Zitieren, sondern ein dunkles, eigenwilliges Weitererzählen. Wer sich darauf einlässt, wird nicht unversehrt bleiben – aber vielleicht ein wenig reicher an Schatten.

Victoriah Szirmai
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Victoriah Szirmai hört Musik und schreibt darüber. Sie studierte Musikwissenschaften mit Schwerpunkt Musiksoziologie und Rock/Pop/Jazz-Forschung sowie Philosophie und Hungarologie an der Humboldt Universität zu Berlin; außerdem Fachjournalismus mit Schwerpunkt Musikjournalismus am Deutschen Journalistenkolleg. Hier gewann sie mit ihrem Essay-Manifest „Zeit zum Hören – Plädoyer für einen langsamen Musikjournalismus" den ersten Preis des Schreibewettbewerbs „Journalistische Trendthemen". Szirmai schrieb sieben Jahre lang für das HiFi-Online-Magazin fairaudio, außerdem für die Jazzzeitschrift Jazz thing und das (ehemalige) Berliner Stadtmagazin zitty. Aktuell arbeitet sie für den Berliner tip und für Jazzthetik, das Magazin für Jazz und Anderes, wo in ihrer mit der Nachtseite der Musik flirtenden Kolumne „Szirmais Fermaten" ganz viel Anderes und vor allem Leonardcoheneskes stattfindet. Ein weiterer Interessenschwerpunkt ist ästhetische Objektivität.

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