Sanfte Aufglühmomente
Gilles Grethen Big Band | Nostalgie
Die Dezember-Rezension für HiFi-IFAs ist immer etwas ganz Besonderes. Wo andere – und da nehme ich mein vergangenes Ich gar nicht aus – Jahresrückblicke, Lieblingslisten und Critics‘ Best-ofs machen, denken wir nämlich vor allem daran, Ihnen einen Last-Minute-Geschenktipp an Herz und Ohren zu legen, den Sie dann wiederum auch legen können: nämlich unter den vielbeschworenen Tannenbaum.
Und da beginnt auch schon das Dilemma. Während die oben erwähnten Listen meist mindestens zehn Plätze umfassen, geht es bei uns um den einen, den ultimativen Geschenktipp. Seit Herbst schon sammle ich fleißig Ideen, denn viele liebgewonnene Künstler bescheren uns seither eine Woge an Neuveröffentlichungen.
Etwa die Berliner: So hat das Soul Trio des Berliner Organisten Matti Klein, das treuen Lesern spätestens seit dem Bericht zur 2024er-Ausgabe der jazzahead! ein Begriff ist, im September sein neues Album Bouncin’ In Bubbleverse auf Shuffle Shack veröffentlicht.
Groove-Cellistin Susanne Paul, seit der ersten Ausgabe des beKind-Festivals im HiFi-IFAs-Universum ein Begriff, brachte am 15. Oktober mit ihrem MOVE String Quartet das Album bloom auf JazzHausMusik heraus, während das Duo Training um Saxofonist Johannes Schleiermacher und Schlagzeuger Max Andrzejewski, dessen Album Three Seconds (2021, Fun In The Church) sich an diesem Ort mindestens ebenso großer Beliebtheit erfreute wie Andrzejewskis Hütten-Platte Reduce (2023, Fun In The Church), zum 2. November mit einer Handvoll Gästen der Berliner Avantgarde das auf 100 Stück limitierte Album GruppenTRAINING nachgelegt hat.
Dann gibt es noch die neuesten Publikationen persönlicher Lieblinge, sei es Holding On To Wonder vom 17-köpfigen elektroakustischen Avantpopjazz-Magnetic Ghost Orchestra um Komponist und Gitarrist Moritz Sembritzki (26. September, Fun In The Church), We Come Alive des britischen Soul-Folk-Songwriters Jonathan Jeremiah (7. November, PIAS) oder How and Why von Ex-Nouvelle Vague-Stimme Mélanie Pain (28. November, Capitane Records). Auch, wenn jedes einzelne dieser Alben es wert ist, die eingangs erwähnten Herzen, Ohren – und Geldbeutel! – zu öffnen, habe ich sie alle verworfen. Und zwar für ein Debüt.
Genauer: Das Debütalbum Nostalgie der Gilles Grethen Big Band, deren Mastermind, Produzent und Bandleader der namensgebende luxemburgische, mittlerweile in Hamburg ansässige Gitarrist und Komponist Gilles Grethen ist. Der wurde mir bei einem Networking-Lunch als Tischherr zugeteilt, zu dem man sich auf Einladung des Arts Council Luxembourg beim Geheimtipp-Italiener in Berlins schicker Mitte traf. Das war, man kann es nicht anders sagen, die perfekte Fügung: Er auf der Suche nach Verbreitung seiner Musik, ich auf jener nach dem zündenden Funken für die Weihnachtsrezension. Et voilà!
Natürlich kann ich bei solchen Begegnungen nichts versprechen, solange ich die Musik nicht gehört habe, egal, wie sympathisch die ganze Covergestaltung und die mit A-, B-, C- und D-Seite einer Doppelschallplatte nachempfundene Titel-Aufteilung der CD auch daherkommt. Als ich das Hören zu Hause nachgeholt habe, war aber sehr schnell klar, dass Nostalgie hält, was der Charme von Aufmachung und Lunch-Geplänkel versprachen. Und ich bin sicher, dass all diejenigen, die glauben, dass Bigband und Weihnachten zusammengehören, aber keinen Nerv mehr für die auf Hochglanz polierte Nummernrevue der alljährlichen, mittlerweile neunten Folge von Nils Landgrens Christmas With Friends (31.10.2025, ACT Music) haben, mit Grethens Ensemble perfekt bedient sind.
Das hat sich einer so reizvollen wie erfrischenden Melange aus Jazzmoderne und -tradition verschrieben und beschwört Erinnerungen an wichtige Menschen und Orte aus Grethens Leben herauf. Der Opener „Old Friends“ eröffnet das Album mit den Gitarrenklängen des Bandleaders selbst, zu denen sich schon bald ein Klavier gesellt, das über die folgenden gut 53 Minuten eine dominante Rolle einnehmen soll. Wenn schließlich die genretypischen Bläser einsetzen, erleben wir schon jetzt eines der schönsten, sanftesten und fortan bandklangbestimmenden Unisoni, das auf seltsame Weise weihnachtlich anmutet und ab Minute 1:20 in einem ersten, Suspense-geladenen Aufblühen – nein: Aufglühen – gipfelt, welches ein Spotlight auf ein weiteres Wesensmerkmal der Platte wirft.
Aus dem Zusammenklang schält sich eine bei aller Raffinesse gemächlich über den Dingen spazierende Trompete, die nun das Geschehen bestimmt, bevor sie zur Mitte des Stücks vom hierhin und dorthin neugierig ausscherenden Klavier abgelöst wird, nur, um bald schon wieder das Ruder zu übernehmen – in einem Bigband-Boot, das eher einem schwerfälligen Tanker gleicht, der zwar nur langsam in Fahrt kommt, aber dann unaufhaltsam auf sein Ziel zusteuert: den spannungsgeladenen Klimax dieser Ouvertüre, der jedoch nicht ausgekostet wird, sondern dem weihnachtlichen Soft-Groove des Beginns weichen muss, welcher jetzt atmosphärisch an Tschaikowskis Nussknacker erinnert.
Das folgende, die A-Seite abschließende „Bryant Park“ kommt bedeutend experimenteller daher, verliert sich jedoch nie im allzu Freien, sondern rettet sich nach knapp zweieinhalb Minuten in schräg anmutend Melodisches, das ihm einen Hauch von Crime Movie Noir-Soundtrack verleiht – anspruchsvoll genug, dass er schnell nervt, wenn man versucht, ihn lediglich nebenbei zu hören, eingängig genug, um, widmet man ihm die eingeforderte Vollaufmerksamkeit, die Zelebrierung des Dissonanten zu genießen. Dann auch bekommt endlich das wohl am landläufigsten mit „Bigband“ assoziierte Instrument, das Saxophon (im Wechsel mit seinen in jeweils unterschiedlichen Sprachen schreienden Brüdern – und manches Mal auch gemeinsam mit ihnen), seinen großen Moment vor dem Hintergrund der zuvor aufgebauten Spannung. Was für ein Ritt über sage und schreibe neun Minuten und vierundzwanzig Sekunden!

Die B-Seite eröffnet mit einem sich in allerlei Vermindertem ergehenden und deshalb düsterer als die beiden ersten Tracks anmutenden „Buddy“, der gleichzeitig mit rhythmischer Pointiertheit und großes Blue-ness frappiert, bevor ein gewaltiges Tohuwabohu ausbricht, das von einem präzise gesetzten Vier-plus-zwei-Ton-Unisono eingefangen wird, welches sich hartnäckig im Ohr festsetzten soll. Die „Prelude in D Minor“, eine Hommage an Esbjörn Svenssons gleichnamiges Stück, besticht mit einem zitternd nachhallenden, manches Mal an Harfentöne erinnernden Klavierauftakt, der zunehmend an Volumen und Dunkelheit gewinnt, die ihn in die Randbereiche zur Hörspiel- oder Theatermusik führen, bevor das Klavier in ein Duett – oder vielleicht doch ein Duell? – mit einer gegenläufigen Kontrabassmelodie tritt, zu dem sich später vorsichtig noch Schlagzeugbesen hinzugesellen. Noch später formt sich ein zunächst behutsamer, dann stetig dringlicher werdender Bläsersatz nebst Gitarrensolo, der einmal mehr in allerschönstem Aufblühen gipfelt. Wenn das Stück dann so reduziert endet, wie es begann, bedeutet die Stille nun etwas völlig anderes als zuvor, hat man zwischenzeitlich doch den Abgrund schauen dürfen. Oder müssen.
In jedem Falle empfiehlt es sich an dieser Stelle, die Platte für einen Augenblick zu pausieren, um das Gehörte zu verarbeiten, bevor wir uns mit neuem Mut der C-Seite zuwenden. Hier zelebriert „Pitcher“ mit superdichtem, so ernstgemeintem wie ernstzunehmendem Jazz-Jazz Grethens Memorien an die gleichnamige Kult-Bar im luxemburgischen Esch-sur-Alzette, ganz ohne ironische Distanz, sondern mit dem Selbstverständnis eines Komponisten, der genau weiß, was er tut – derweil sich mit „Music For A Sad Movie“ eine verzauberte Ballade entfaltet, hinter deren von verschiedenen Protagonisten zelebrierter, vordergründiger Sentimentalität sich nach dreieinhalb Minuten Spielzeit bedrohlich wirkende Kleine-Sekunden-Intervallschleifen bemerkbar machen, die wohl nicht von ungefähr an den Weißen Hai erinnern, bald aber genauso plötzlich wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind, als hätte es sich lediglich um einen Spuk gehandelt, der einen an der eigenen Wahrnehmung zweifeln lässt. Der Eindruck der Bedrohung jedoch bleibt. Ohnehin ist in Grethens Arrangements nichts so, wie es auf den ersten Blick erscheint; hinter dem Offensichtlichen öffnet sich Schicht und Schicht, Ebene um Ebene, Bedeutung um Bedeutung.

Die D-Seite gehört ganz allein dem Closer „d’Stad“, der gleichzeitig wärmend wie auch winterlich wirkt und in seiner supereingängigen, ja fast schon gefälligen Art klar aus der Platte heraussticht. Im Gegensatz zum Opener, der die Platte in a nutshell vorwegnimmt, findet sich hier keine Zusammenfassung, kein Fazit – sondern vielmehr eine mit Referenzen an die Bigbandgeschichte gespickte Liebeserklärung an den Ort, wo Grethen seine Lebensgefährtin kennengelernt hat. Aller Wohlfühligkeit zum Trotz opfert der Bandleader nie seinen künstlerischen Anspruch zugunsten kommerziellen Gefallens, womit ihm der Brückenschlag zwischen Kennerpublikum und Entertainment, zwischen Hochkultur und Broadway, zwischen Intellekt und Charme gelingt.
Und dann! Dann kommt ab Minute 5:01 noch dieser Fanfarenaufschwung, der so fundamental glücklich macht wie sonst nur der richardkoch’sche Trompetenton, womit dieses Album ganz zum Schluss zeigt, dass es bei aller formalen Finesse und klanglichen Kühnheit immer noch unmittelbar ins Herz zu treffen versteht – und zwar genau in dem Moment, in dem man es am wenigsten erwartet. Kein Wunder, dass diesem Stück eine eigene Seite gebührt!
Vielleicht liegt es an den festlich anmutenden Unisoni und ihren sanften, aber umso nachhaltiger wirkenden Aufglühmomenten oder an der Art, wie die Bläser in aller Düsternis Wärme erzeugen können, ohne je ins Sentimentale zu kippen – in jedem Falle drängt sich am Ende der ziemliche banale, gleichzeitig aber vollkommen logische Gedanke auf, dass Bigband und Weihnachten auf eine seltsame, fast kulturmythische Weise zusammengehören. Nicht im Sinne von Glitzer und Lametta, sondern im Sinne eines tiefsitzenden Gefühls von Zusammengehörigkeit, ja: Gleichklang, von kollektiver Atembewegung, von jener Mischung aus Erwartung und Geborgenheit, die jede gute Bigband – und diese hier ganz besonders – in ihren besten Momenten heraufbeschwört. Und die jedem idealen Weihnachten innewohnt.
Ein passenderes Weihnachtsgeschenk kann es also kaum geben – und das bezieht man am besten, wie immer, direkt beim Künstler selbst über Bandcamp, wo es natürlich nicht nur als CD und Download, sondern auch als echtes 180-Gramm-Doppel-Vinyl erhältlich ist.

