Musik-Tipp: Three Seconds – TRAINING & John

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„memento mori“-Groove

Training & John | Three Seconds

(Fun In The Church/Bertus/ROM/Zebralution), (Vinyl: Fun In The Church/Staatsakt)

Nachdem sich vor so ziemlich genau einem Jahr das Duo Training mit der auf nur dreihundert Stück limitierten *x-EP begründete, haben sich Schlagzeuger Max Andrzejewski und Saxophonist Johannes Schleiermacher für ihren ersten Full-Length-Player Three Seconds Unterstützung in Form von Deerhoof-Gitarrist John Dieterich ins Boot geholt. Und dem gelingt es schon auf dem Opener „Anthill Closeup (Schillerpark, Berlin)“, das vom Debüt bekannte Post-Freejazz-Chaos in geordnete Klangbahnen zu lenken, das hier wie der spacige Cowboyvetter des Spiritual Jazz herantrottet, was kein Wunder ist, dient hier doch der meditative Loop als kompositorische Ausgangsbasis eines – coronakonform digitalen – transatlantischen Austauschs zwischen den beiden Berlinern und dem im US-Staat New Mexico Beheimateten. Weniger hart kommt er daher, aber auch weniger elektrisierend als der EP-Sound. Denkt man zumindest.

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Doch schon „Remorseless Dimensions“ zeitigt einen überbordenden Spaß, wie ihn sonst nur Kinder an den Mikroexplosionen ihres Chemiebaukastens haben. Ohnehin wohnt diesem rhythmisch geordneten Noise etwas sehr Handwerkliches inne. Kann man Musik eigentlich löten? „Fanenvuei“ dagegen verfällt nach etwa zwei Minuten in einen repetitiven Hypno-Move oder besser: -Groove, der an Klangschalen in einer Industrial-Umgebung mit Umblätterstörgeraschel erinnert, vor allem aber die stetig voranschreitende und damit unwiederbringlich ablaufende Zeit anmahnt. Die sich darüber entfaltende Melodie hingegen erweckt den Eindruck, in einer Zeitschleife, wo eben überhaupt nichts voranschreitet, gefangen zu sein. Das ist, so sehr man ablaufender Zeit auch nachtrauern mag, etwas Unnatürliches und damit Unheimliches – und auch klanglich sind die Welten von Twin Peaks & Co. nicht fern.

Tiefergelegt Rumpeliges vom dezent elektrischen „Vibrations through the Glass (I l s Desk, Vienna)“, das mit seinem nicen, R&Besken Stolperbeat klingt, als hätte man die Black Eyed Peas durch eine Kreuzung aus Flugsimulator und Flippermaschine gedreht, macht wiederum – nicht zuletzt ob Schleiermachers Saxophon, das sich anfühlt wie durch einen Harmonizer geblasen, der lieber als Modulationsrad geboren worden wäre – einfach Spaß.

Die „Infinite Error Finitude“ erinnert an das von Kuratorin Nadin Deventer aus dem komatösen Dörnröschenschlaf gerissene Jazzfest Berlin: Avantgarde, die nicht abschreckt, sondern umarmt. Hier mit einem very free Saxophon, das verstehen macht, weshalb dieses Instrument mit dem Blechkorpus recht eigentlich den Holzbläsern zuzurechnen ist, über Hypnogeblubber, bei dem Rührtrommelreiches auf etwas trifft, das im Laufe des Stückes derart ausartet wie ein seine Zwangsjacke abwerfendes Etwas, wenn nicht gar: Alles, das bei seiner Flucht keine Gefangenen macht.

Eine kontemplative Auszeit gönnt uns „Sprinkler and Birds (John´s Garden, Albuquerque)“ aus dem Garten des Gitarristen, das gen Ende munter vor sich hin quillt und tschilpt, derweil beim stramm marschierenden „Sound Agave“ bald eine tutende Dampflok Einfahrt halten wird, noch unsichtbar im Tunnel, dass sich bislang nur die Vibration des Sichnähernden wahrnehmen lässt. Und wieder ist da dieser unerbittlich vorantreibende Rhythmus, bei dem ich immer versucht bin, von einem memento mori-Groove zu schreiben, da er uns als klanggewordenes Vanitassymbol die beständig ablaufende Zeit überdeutlich vor Ohren führt.

Das seinem niedlichen Titel zum Trotz krasskeischende „Poeppel“ hat dagegen eher Brötzmann-Qualitäten, will heißen: Das kann live gutgehen – wobei ich ihm auch da eher dieses Blutigerautounfallding zubillige, wo man zwar weghören will, aber nicht kann –, doch für die heimischen Boxen ist es: definitiv nix. Und nein, das sagt niemand, dessen Hörgewohnheiten sich ansonsten auf Kenny G.s smooth schmeichelndes Sopransaxophon beschränken. „Poeppel“ ist spannend, ja, faszinierend, auch, aber eben zugleich brutal und abstoßend. Und: Drei Minuten und siebenundfünfzig Sekunden können verdammt lang sein! Schönklanglicher wird’s auch mit „Silent Phonons“ nicht: Irgendetwas kratzt da über die Platte/sucht einen Radiosender/ergeht sich in Rückkopplungen. Wäre ich Reich-Ranicki, würde ich fragen: Ist das überhaupt Musik?, bis sich irgendwann tatsächlich ein bruchstückhaftes E-Gitarrensolo aus der Geräuschhalde erhebt und das Ganze zu jener Art Musik macht, die man früher als Elternschreck abgespielt hat und nicht, weil sie einem so gefiel. Ganz zum Schluss fühlt man sich an diese unbespielbare Stelle zwischen Steg und Saitenhalter bei der Geige erinnert, die angeschlagen klingt wie präpariertes Klavier, dumpf, ohne Resonanz, aber auch klanggrenzenauslotend aufregend.

Hier kommuniziert ein Tier. Darunter erklingt auf „Glocken“ eine Art tropfendes Hallen, was wieder sehr an Horror Movie Scores erinnert. Eigentlich möchte man gern nachgucken, was da tropft (und jeder Horrorfilmfan weiß, dass das eine schlechte Idee ist, weil’s da nicht nur tropft, sondern vor allem lauert!), aber das jammernde, winselnde, fiepende Wesen vor einem hat ja Hunger. Es dauert einen, wie‘s da so hockt und fiept, also holt man es ins Haus. Und ahnt nicht, dass man sich damit das Unheil direkt ins Wohnzimmer geholt hat. Nach einer abgründigen Überleitung ertönt ein helles Knispeln, wie Tamagotchitasten, es blinkt und wackelt und ist vordergründig fröhlich, doch das widerhallreiche Tropfen – Und ist das überhaupt ein Tropfen? Oder sind es bedrohliche, sich verschiebende Eisberge? Etwas Metallisches? Ein wie bei Poe sich unaufhaltsam näherndes Pendel? – bleibt. Und verweist einmal mehr auf ein klang-(denn „musik-“ mag ich auch an dieser Stelle nicht sagen)gewordenes memento mori, das auf Basis lediglich dreier Sekunden die Unaufhaltsamkeit der Zeit zu verdeutlichen und prophetisch das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit anzumahnen versteht.

About Author

Victoriah Szirmai hört Musik und schreibt darüber. Sie studierte Musikwissenschaften mit Schwerpunkt Musiksoziologie und Rock/Pop/Jazz-Forschung sowie Philosophie und Hungarologie an der Humboldt Universität zu Berlin; außerdem Fachjournalismus mit Schwerpunkt Musikjournalismus am Deutschen Journalistenkolleg. Hier gewann sie mit ihrem Essay-Manifest „Zeit zum Hören – Plädoyer für einen langsamen Musikjournalismus" den ersten Preis des Schreibewettbewerbs „Journalistische Trendthemen". Szirmai schrieb sieben Jahre lang für das HiFi-Online-Magazin fairaudio, außerdem für die Jazzzeitschrift Jazz thing und das (ehemalige) Berliner Stadtmagazin zitty. Aktuell arbeitet sie für den Berliner tip und für Jazzthetik, das Magazin für Jazz und Anderes, wo in ihrer mit der Nachtseite der Musik flirtenden Kolumne „Szirmais Fermaten" ganz viel Anderes und vor allem Leonardcoheneskes stattfindet. Ein weiterer Interessenschwerpunkt ist ästhetische Objektivität.

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