Der Lautsprecherhersteller Chario ist uns HiFi-IFAs gut bekannt. Vor rund drei Jahren begeisterten uns die Kompaktlautsprecher Constellation mk2 LYNX mit ihrer edlen Erscheinung sowie mit herausragendem Klang. Komplett von den Socken waren wir dann bei dem Blick auf das Preisschild. Zu diesem Zeitpunkt war Chario im Vertrieb von Christoph Mertens, den wir sehr schätzten und der im Jahr 2024 plötzlich und zu früh von uns ging. Chario verloren wir nie aus den Augen, aber es ergab sich lange Zeit nicht mehr die Gelegenheit zum Test, was wir ausgesprochen schade fanden. Nicht ganz unschuldig waren wir dann, dass in diesem Jahr Frank Koglin den Vertrieb der schönen italienischen Lautsprecher übernahm und damit ein erneuter Test nicht nur möglich, sondern praktisch zur Ehrensache wurde. Mit den Vorschusslorbeeren der Constellation mk2 LYNX ausgestattet, begleitet von Vorfreude meinerseits sowie einer als amtlich einzustufenden Erwartungshaltung fanden nun die Chario Aviator NOBILE Regallautsprecher mit einem Paarpreis um 4.000 Euro den Weg in mein Hörzimmer. Ready for take off.
Chario Aviator NOBILE – Annäherung
Frank Koglin brachte mir zwei Pakete, eins recht groß, kubisch und schwer, eins flach und schwer. Hä? Ach so, die Chario Aviator NOBILE kommen paarweise in einem Paket und werden dementsprechend auch als Paar verkauft. Das macht schon Sinn bei Stereo-Lautsprechern. Im zweiten flachen Paket waren die Zutaten für die passenden Lautsprecherständer einsortiert und verpackt, die mir Frank gleich mitbrachte. Die Lautsprecher funktionieren auf dem Regal, eigenen Stands, aber eben auch auf den eigens angepassten Chario Stands, die ich schon von den LYNX kannte. Dazu gleich mehr.

Die Chario Aviator Serie ist oberhalb der Constellation mk2 Serie angesiedelt und die NOBILE ist der größere der beiden Regallautsprecher, bevor es in der Rangordnung mit den Standlautsprechern weiter geht. Die „Aviator“-Serie ist eine Verneigung vor dem legendären italienischen Luftschiffkommandanten Umberto Nobile, einem Pionier der Luftfahrt und Polarforschung. Für Chario steht dies für „technische Präzision verbunden mit der Fähigkeit, jeder Herausforderung souverän zu begegnen“. Ein historischer Bezug, den man eher von Uhren kennt und erst einmal gar nicht bei Lautsprechern erwartet. Trotzdem ist es schön, herausragende historische Leistungen mit seinen Produkten zu verknüpfen und damit zu würdigen.

Die NOBILE lassen sich mit aufgestecktem Spannrahmen in ihrem schützenden Beutel leicht dem Karton entnehmen. Bei meinem Paar waren die dämpfenden, kegeligen Gummifüße bereits eingeschraubt, so dass ich die beiden Hübschen direkt sicher abstellen konnte. Die Füße schaffen gleichzeitig den für den nach unten abstrahlenden Bassreflex-Port nötigen Abstand zum Untergrund. Die Öffnung hat zur Ankopplung an die Umgebung eine größere Rundung beziehungsweise eine Kurvenkontur. So können die Lautsprecher auf einem Regalboden, Sideboard oder der Plattform eines Lautsprecherständers abgestellt werden.

Wer die Lautsprecherständer mit geordert hat, kann die Lautsprecher auf weicher, sauberer Unterlage direkt nach Entnahme aus dem Karton Kopfstehen lassen und gleich mit der Montage loslegen. Dazu müssen die Gummifüße herausgedreht und an deren Stelle vier lange Stahlstangen eingeschraubt werden. Man muss natürlich ein wenig aufpassen, aber kopfüber geht das leicht von der Hand. Wie man sieht strahlt der Bassreflex-Port nun frei nach unten ab. Dann wird die Fußplatte, die ebenfalls Gummifüße besitzt, über vier Bohrungen an die vier Stangen angeschraubt. Mit etwas Geschick eine leichte Übung und in 15 Minuten erledigt. Umdrehen, auf die Füße stellen, fertig. Okay, ich hatte schon einmal bei den LYNX geübt und hatte die Strategie bereits parat.

Spätestens jetzt erkennt der Besitzer die Besonderheit der Aviator NOBILE: die Anordnung von Tief/Mittel-Töner und Hochtöner ist umgekehrt – der Tweeter sitzt unten. Für Zweiwege-Standlautsprecher nicht ungewöhnlich, für einen Regallautsprecher ist das schon besonders. Chario empfiehl, den Tief/Mitteltöner auf Ohrhöhe zu positionieren. Der mitgelieferte Ständer baut da, gemessen an den meisten Sitzpositionen, schon recht hoch, da sich das System auf 113 cm Höhe befindet. Der Tweeter liegt bei noch üblichen 95 cm. Zudem ist der Lautsprecher leicht nach hinten geneigt, was eine Laufzeitkorrektur vermuten lässt. Das Foto mit den Stands ist erst später entstanden, ich habe die Lautsprecher lange auf meinen eigenen Lautsprecherständern aufgestellt gehört, später aber auch in dieser Konfiguration. Die Charios besitzen elegante Polklemmen, an die ich über die Mittenbohrung die bereitliegenden in-akustik LS-1205 AIR Lautsprecherkabel anschloss.

Chario Aviator NOBILE – Technik
Das im Jahre 1975 in Mailand gegründete Unternehmen fertigt und entwickelt seine Lautsprecher vollständig in Italien. Neben dem Handwerk steht die Forschung zum Thema Akustik, Psychoakustik und Raumakustik im Mittelpunkt.
Bei der Anmutung der Lautsprecher von Chario steht hochwertiges italienisches Walnussholz im Mittelpunkt und ist zum Teil der Firmenphilosophie geworden. Die Walnussholzstücke werden von nachhaltigen Plantagen im Nordosten Italiens bezogen und sorgfältig ausgesucht. Maßgeblich dabei ist die passende Reife, Struktur und Qualität. „Der Entstehungsprozess eines Chario-Lautsprechers beginnt lange bevor er gefertigt wird – bereits mit dem Wachstum des Baumes, oft mehr als 20 Jahre bevor die Musik erklingt“, sagt Chario selbst dazu. Eine Gedankenspiel, das mir persönlich gut gefällt. Mit dem Blick auf die ebenso natürliche wie lebendige Maserung macht es dann übrigens tatsächlich Sinn, die Lautsprecher paarweise passend zusammenzustellen.
Chario gibt dem Holz nach dem Zuschnitt mindestens sechs Monate zur Trocknung, davon die ersten Monate unter natürlichen Bedingungen im Freien. Dabei wird für eine optimale Stabilität und Langlebigkeit der Feuchtigkeitsgehalt regelmäßig kontrolliert. Für die Gehäusefertigung wird das Holz zu Lamellen verarbeitet und durch eine spezielle Verzahnungstechnik verbunden. Das soll für Stabilität und hervorragende akustische Eigenschaften sorgen. Das Walnussholz wird bei den Seitenwangen der Gehäuse verwendet.
Der zentrale Korpus besteht aus HDF (High Density Fiberboard / Hoch Dichte Faser). HDF ist eine Mischung aus Harz und Holzfasern mit hoher Steifigkeit und Festigkeit, was Resonanzen sowie Vibrationen minimiert und sich maschinell präzise bearbeiten lässt. Damit prägt der Korpus ebenfalls die akustischen Eigenschaften des kompakten Lautsprechers. Die seidenmatt schwarze Lackierung erfolgt mit formaldehydfreien Aquabase-Lacken.

Die beim Lautsprecherbau verwendeten Materialien und Komponenten werden exklusiv für Chario entwickelt und gefertigt. Ziel der Norditaliener ist die Sicherstellung höchster akustischer Präzision. Zu den Technologien zählen Thermogeformte ROHACELL®-Membranen, Neodym-Magnetsysteme (Daisy Assembly), Seidenkalotten mit Silberbeschichtung sowie Flansche und Körbe aus Aluminium-Druckguss.
Eine der Kerntechnologien von Chario ist das sogenannte NRS™ (Near Reflective Surface), welche die Nähe des Lautsprechers zu reflektierenden Flächen wie Boden oder Wand nutzt, um die Tieftonwiedergabe merklich zu unterstützen. Dabei wird der Tieftöner entlastet, so dass dieser mit geringerer Membranauslenkung bei gleichbleibendem Schalldruck auskommt, was zu einer Reduzierung von Verzerrungen sowie eine Erhöhung der Effizienz führen soll.
Eine weitere Kerntechnologie ist das LFR™, wohinter sich die „Listening Fatigue Reduction“ verbirgt. Die LFR™ Technologie wurde entwickelt, um Hörermüdung bei langen Hörsitzungen zu minimieren. Nach Auffassung von Chario reagiert das menschliche Gehör empfindlich auf bestimmte Frequenzbereiche, wobei die Wahrnehmungsfähigkeit mit wachsender Belastung sinkt. Chario nutzt psychoakustische Erkenntnisse, um mit LFR™ eine ausgewogene Energieverteilung über das gesamte Frequenzspektrum herzustellen, und so einer Ermüdung von Gehör und Geist vorzubeugen.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Chario bei der Abstimmung der Chassis seiner 3-Wege-Systeme auf seine WMT™-Technologie (Woofer Midrange Tweeter) setzt, welche die Schallabstrahlung von Woofer, Mitteltöner und Tweeter kontrolliert. In einem klassischen 3-Wege-System arbeiten die einzelnen Treiber nicht in strikt voneinander getrennten Frequenzbereichen, stattdessen erfolgt eine gezielte Überlagerung ihrer Arbeitsbereiche, wodurch ein besonders homogener Übergang zwischen den Frequenzen entsteht. Diese spezielle Frequenzweichenkonfiguration sorgt für eine gleichmäßige Energieverteilung im Raum und reduziert unerwünschte Reflexionen von Boden und Decke.

Die Charakteristik des T38 Wave Guide™ Hochtöners wurde speziell für Wohnräume entwickelt, die nicht akustisch optimiert sind. Eine Bündelung auf den Hörplatz fokussiert die Schallabstrahlung und lässt gleichzeitig kontrolliert Reflexionen zur Anreicherung des Klangbildes zu. Der Hochtöner besitzt eine große, 38-mm-Gewebekalotte, die niedrige Übergangsfrequenzen um 1.180 Hertz zulässt, was den Tief/Mitteltöner mit Neodym-Magnetsystemen und thermogeformten ROHACELL®-Membranen entlastet.
Bei den Frequenzweichen legt Chario Wert auf speziell abgestimmte Komponenten, hochwertige Leiterplatten, eine Endverlötung aller Bauteile nach traditioneller Fertigungsweise, sowie auf eine sorgfältige Qualitätskontrolle jeder einzelnen Frequenzweiche.
Bei der Auslegung des Bassreflexkanals hat Chario den überraschend hohen Luftdruck im Blick, der in Wechselwirkung mit der Strömungsgeschwindigkeit steht. Entwicklungsziel war es daher, einen optimalen Druck im Reflexkanal aufrechtzuerhalten, um eine konstant kraftvolle akustische Welle, ohne hörbare Strömungsgeräusche zu generieren, selbst bei internen Luftgeschwindigkeiten von bis zu 130 km/h.
Chario Aviator NOBILE – Technische Daten
- Konfiguration: 2-Wege Regallautsprecher, vertikale Anordnung, Hochton in unterer Position
- Treiber
1 * Hochtöner, 38 mm T38 mit Waveguide
1 * Tief/Mitteltöner, 160 mm ROHACELL® mit NeFeB-Antrieb - Bassreflex (Downfire, NRS-Technologie (Near Reflective Surface) )
- Empfindlichkeit
90 dB SPL @ 1 m / 2,83 Vrms (dekorreliertes L/R Signal)
Rosa Rauschen, Messraum gemäß ITU-R BS 1116-1 - Tiefton-Grenzfrequenz: 50 Hz bei –3 dB (bezogen auf C4 WETS)
- Übergangsfrequenz: 1180 Hz (4. Ordnung)
- Nennimpedanz: 4 Ω (Minimum 3,4 Ω)
- Phasenwinkel: ±36°
- Gehäuse: Massives Walnussholz und HDF
- Maße: 440 * 240 * 310 mm (H * B * T)
- Gewicht: 11 kg
- Ausrichtung der Lautsprecher: Leicht zum Hörer eingewinkelt
- Hörhöhe: Bevorzugt auf Achse des Woofers
- Hörabstand: Optimal: > 2,0 m
- Abstand zu Seiten- & Rückwänden
Mindestens 1 m Abstand zur vorderen Schallwand - Empfohlene Verstärkerleistung: 120 W / 4 Ω durchschnittliche Leistung

Chario Aviator NOBILE – Klang
Ich starte meinen Hördurchgang mit ordentlichem Futter für die Chario Aviator NOBILE, die zuerst auf meinen eigenen Stands stehen. Sultance of the Dance The fire of Anatolia wird als Tanzspektakel auf großer Bühne vorgeführt, die Stereo-Aufnahme hat es aber auch in sich – unter anderem mit einer Stereo-Bühne, die für diese Musik so wichtig ist. Und das beginnt bei „Isik Irmaklari“ mit einem sehr einfachen Effekt: Große Trommeln füllen die Bühne mit Sound, mit Energie. Eigentlich recht moderat, aber die Verteilung des Klanges lässt sie trotzdem sehr groß wirken. Nicht nur in der Breite, sondern auch in der Tiefe. Ein immer wieder erstaunlicher Effekt. Das Ausklingen nach dem Schlag passiert sehr fein und bricht nicht ein, so dass sich eine Sphäre um die Trommeln herum aufzieht. Dezidierter lassen sich die knackigeren, kleineren Trommeln verorten, die im Raum zusätzliche Koordinatenpunkte setzen. Hinzu gesellen sich die weiteren Instrumente, geblasen oder gestrichen, die der Musik mehr Fülle und Abwechslung verleihen. Bis es dann richtig los geht und die Musik rasante Fahrt aufnimmt.
Die Impulsivität zeigt, dass die Räumlichkeit „echt“ und nicht mit trügerischer Unschärfe erschlichen ist. Der Raum ist nicht nur gut abgesteckt, sondern auch sauber sowie bruchlos sortiert. Die Instrumente stehen auf ihren Plätzen und das Klangspektakel entwickelt eine besondere Livehaftigkeit, eine Nahbarkeit, die sich auch bei „Ates Dansi“ zeigt. Ruhigere, aber ebenso präsente Töne schlägt mit den Blasinstrumenten „Tanrilarin Dagi“ an, das mich in eine eigene Welt hineinzaubert. Gleichermaßen bleibt der Eindruck der großen Bühne erhalten, die eben nicht auf die einzelnen Instrumente fokussiert, sondern auch den Raum dazwischen greifbar macht. Ich habe schon eine Affinität zu dieser Musik und muss gestehen, dass mich das Stück beeindruckt zurücklässt, eigentlich mit einer klar ausgesprochenen Einladung zum Durchhören des Albums, aber ich muss musikalisch weiterziehen. Anspieltipp noch: „Ates Danslari 2“.
Mehr Räumlichkeit als es die Polizei erlaubt? Okay, lassen wir The Police ran mit dem Album Ghost in the Machine. Der „Geist in der Maschine“ ist übrigens ein philosophischer Ansatz, der der die Trennung von Körper und Geist hinterfragt. Im Falle der Aviator NOBILE könnte ich mich beispielsweise fragen, inwiefern Analytik und lässige Räumlichkeit voneinander trennbar sind. Aber das scheint eine eher müßige Frage zu sein. Für mich steht fest, dass die Chario nicht speziell auf Analytik getrimmt ist, schon gar nicht auf vordergründige Analytik, die die Betonung des Einen durch das Weglassen von etwas anderem erzeugt. Die NOBILE verfolgt einen eher ganzheitlichen Ansatz, womit ihre größte Stärke ist, keine Schwächen zu haben. Und sie lässt die Musik nicht alt aussehen, wie die Police-Aufnahme aus 1981. Neben der schon häufig erwähnten Räumlichkeit kommt ein kräftiger Bass dazu, der die hübschen Italiener nicht zu Partylautsprechern werden lässt, sondern sinnhaft komplettiert. Ein Eindruck, der sich auch auf den Chario eigenen Stands nicht ändert. Vielleicht spielen die NOBILE dann noch etwas offener und der Bass koppelt anders an den Raum an, was aber am Charakter nichts ändert. Natürlich merke ich, dass die Hörebene einen Tick nach ober wandert, was aber absolut okay ist.
Das beginnt schon mit dem Opener „Spirits in a material world“, bei dem Stings gezupfter E-Bass wunderbar vor sich hin brummelt wie frisch in die Konserve hineingespielt – und nicht nach über 40 Jahren wieder herausgezaubert. Bei der Spielfreude habe ich das Gefühl, die Herren Sumner, Copeland und Summers wären persönlich bei mir vorstellig geworden. „Every little thing she does is magic“ singen sie, und ein bisschen Magie ist bei der Wiedergabe auch dabei. Der Bass den die NOBILE dabei in den Ring wirft, ist weniger ein Effekt, er bringt das nötige Fleisch an den Knochen, das eben sowohl für die räumliche Wahrnehmung als auch für die Lebendigkeit hilfreich ist. Einer meiner Favoriten ist „Rehumanize yourself“, ein Song, der sagenhaft voran geht, getrieben von Sting mit der verspielten Basslinie und dem mantraartigen, charismatischen Gesang. Und „Secret Journey“ entführt mich in eine andere Welt, nimmt mich an die Hand: „Upon a secret journey I met a holy man … you wil see light in the darkness, you will make some sense of it“. Den Song fand ich schon immer cool, aber die NOBILE verleihen ihm eine Substanz, die ihm gutsteht.
Neu in meinem Musikfundus ist The Ghost, the King and I featuring Scott Hamilton & Strings vom niederländischen Label Sound Liaison. Auch diese Aufnahme strotzt vor Räumlichkeit, die nicht einfach nur irgendwie „groß“, sondern, wie schon beim Opener „I wanna be happy“ unfassbar realistisch ist. Eine Steilvorlage an die Charios, die diese volley nehmen und ins Netz hauen. Hier wird wieder deutlich, wie viel an Tiefe machbar ist. Natürlich ist die Bühne breit aufgezogen, aber auch Musiker die beispielsweise auf der linken Seite spielen, also eher auf dem linken Kanal, kleben nicht am linken Lautsprecher, sondern sind einfach dort. Wo sie hingehören, ohne Irritation. Natürlich enthält das Stereosignal bei dieser Art der Aufnahme im rechten Kanal feine Anteile des Geschehens auf der linken Seite – und diese gelangen auch ans Ohr und wirken gegen eine stupide Fixierung. Das Saxophon hingegen steht bei „Everything I love“ piekfein und sauber gezeichnet in der Mitte. Klasse auch das Klavier links.
Der Applaus des Publikums erscheint mittig, aber nicht in der Ebene der Musik – was auch irritierend wäre – , sondern in der Tiefe versetzt. Auch ist die musikalische Bühne breiter als das Publikum, was schon fast zur stereophonischen Trigonometrie in Breite und Tiefe reizt. Bei „Goodbye Mr. Evans“ zaubert das Saxophon feine Anblasgeräusche, aber auch den nölig, penetranten Druck, begleitet von zartschmelzenden Streichern. Ein begeisterndes Album in vielerlei Hinsicht, stelle ich mit Hilfe der NOBILE fest. Klasse. Einerseits freut man sich auf den „Autumn in New York“, anderseits nur jammerschade, dass das Album dann rum ist…
Tagsüber waren es heute fast 35 Grad. Das erinnert mich an die Aufenthalte in Asien, Singapur. Nur das es da etwas kühler war. Und es erinnert mich an meinen Besuch im HMV – His Master Voice – an der Orchard, wo ich das erste Mal bei chilligen 18 Grad Ladentemperatur Sigur Ros‘ „Saeglopur“ hörte. Wie aus einer anderen Welt. Das hängt mir immer noch nach. Speziell der erste Teil des Songs. Eine Stereo-Anlage und damit auch die Lautsprecher, müssen mich ins HMV versetzen können. Okay, Lautsprecher sind keine Klimaanlagen, aber ich meine auch emotional. Das gelingt den NOBILE hervorragend. Die Atmosphäre, das mystisch Entrückte, ein Raum der aus fast Nichts zu bestehen scheint und trotzdem spürbar ist, in den glockenreine Sounds reinperlen und ihn punktgenau abstecken, dazu der elbengleiche Gesang, als würde er direkt aus Bruchtal (nicht Bruchsal 😉 ) vom Fuße des Nebelgebirges zu mir herüberhallen. Dabei stimmt jede Dimension, auch die Höhe der Abbildung. Kritisch wird es, wenn es im Song bei 1:52 zur Sache geht. Das überfordert manche Lautsprecher schon einmal. Die NOBILE federn das locker ab, nerven nicht, kratzen nicht in den Ohren. Es wird halt lauter, aber da verzerrt nichts oder kippt ins Unangenehme, gleichzeitig bleibt der Sound aber voll. Ist der musikalische Tumult erfolgreich durchgestanden, geht es wieder in ein nachdenklicheres letztes Drittel. Verrückt, diese Isländer…
Einen Knaller entdecke ich zufällig aus der Zeit der „Society of Sound“. Dort wurde von Dub Colossus das Album Dub me tender präsentiert. Dass es bei Dub etwas handfester zugeht, kann man sich vorstellen. Der Bass bei „Dub in the time of cholera“ (was immer mir das sagen soll) ist mehr als amtlich. Hier lässt die eher fein daherkommende Aviator NOBILE mal gar nichts anbrennen, aber, das ist noch besser, lässt auch nicht überschwappen. Der Lautsprecher ist tonal echt fein, was dem Sound komplett die Vordergründigkeit nimmt und ich mich wieder auf die Musik aufs Neue einlassen kann. Das ist erste Sahne. Eben auch, weil die Charios die Musik homogen freistellen und sich selbst in den Hintergrund zurückziehen. Hier spielt die Musik tatsächlich auch mal ein Stück über die Lautsprecher hinaus. Die Instrumente und Soundeffekte klingen dabei sehr organisch, lustig die Stimme, die „Dub me tender“ ankündigt. Eine feine Sache „Satta Massagana“ mit tollem Kontrast der klar gezeichneten, sehr realistischen Instrumente über dem unverbindlich brummeligen Bassfundament.
Ein allerletzter Abstecher geht in das Reich der Klassik zu Holsts Die Planeten, dargeboten vom LSO unter der Leitung von Sir Colin Davis. Eigentlich ist es nur ein letzter Check um mir selbst zu bestätigen, was ich aus dem zuvor gehörten bereits in Summation ableiten konnte. Beim eher impulsiven „Mars“ – hier geht es nun einmal um den Kriegsgott – zeigte sich die Power des Symphonieorchesters in Verbindung mit der Fähigkeit der NOBILE einen Spannungsbogen aufzuziehen. Die Räumlichkeit ist der großen Besetzung würdig, dazu stimmen Attacke, Impulsivität und Nachdruck. Wobei die Ausgewogenheit im Klangbild immer daran erinnert, dass es der Hörer hier mit einem Ensemble zu tun hat, nicht mit einer Sammlung von Einzelakteuren oder Lieblingsmusikern. Die NOBILE hat das gelassen im Griff. Schön auch der Wechsel zur Liebesgöttin „Venus“, bei der die NOBILE ruhigere Töne zulässt, ohne vergessen zu lassen, dass wir es mit einem Symphonieorchester zu tun haben. Ein schöner Ausklang eines sonnigen Sonntages.
Chario Aviator NOBILE – Fazit
Die Chario Aviator NOBILE sind Preis/Leistungssieger in zweierlei Hinsicht. Das, was die italienische Manufaktur handwerklich zu bieten hat, ziert gediegen jeden Wohnraum und spielt in der Anmutung locker ein bis zwei Klassen höher, als es das Preisschild vermuten lässt. Gleichzeitig bieten die NOBILEs ein herausragendes klangliches Erlebnis, das ebenfalls seinesgleichen sucht. Sie beweisen, mit wieviel Liebe zur Musik ein Allrounder spielen kann. Die italienischen Schönheiten haben ansprechende Klangfarben, die auf einem anständigen Bassfundament aufbauen. Die Lautsprecher können seidig fein, aber auch impulsiv und zupackend. Herausragend ist die räumliche Abbildung, die sich von den Lautsprechern löst und den Hörer zudem nicht millimetergenau auf den Sweetspot festnagelt. Der NOBILE ist ein Lautsprecher für Musikfreunde, die ihre innere Mitte gefunden haben und ein in sich schlüssigen Gesamtpaket suchen. Wer also einen stimmigen Regallautsprecher in der Preisklasse um 4.000 Euro – oder gar darüber – sucht, der sollte bei den Chario Aviator NOBILE unbedingt ein Ohr riskieren. Dazu exakt passende Lautsprecherständer sind optional erhältlich.

Im Test
Handwerklich hervorragende Regallautsprecher mit Stands
Chario Aviator NOBILE
Preis Lautsprecher (Paar): 3.850 Euro
Preis Stands (Paar): 890 Euro
Vertrieb
Audiovertrieb Frank Koglin
Junkernstr. 5-7,
D-47051 Duisburg
Telefon: +49 (0)203 9346643
Mail: info@chariohifi.de
Web: www.chariohifi.de
Mitspieler im Test
Digitale Quellen – LUMIN U1 mini mit SBooster Netzteil, Merason DAC1 Mk II, Musikserver Innuos ZENith Mk3, NuPrime Stream 9, NuPrime CDT-9 mit LPS-212, NuPrime DAC-9X mit Vorstufe, MERASON DAC2
Plattenspieler / Phonovorstufe – Rega P8 mit Excalibur Platinum, Vertere Techno Mat, SPL Phonos
Verstärker – SPL Phonitor x mit DAC768 Kopfhörerverstärker/DAC, SPL Director Mk2.2 Vorverstärker/DAC, SPL Performer s1200 Stereo-Endstufe, Makroaudio LittleBIG Power Mono-Endstufe, sonoro MAESTRO Quantum
Lautsprecher – Dutch&Dutch 8c, Diapason Adamantes V, Elipson Planet L Gold Edition, Velodyne DD-12+
Kopfhörer – ULTRASONE Edition 15, DENON AH-D7100
Signalkabel – WSS Platin-Line KS-20 XLR, WSS Premium-Line KS-200 XLR, Boaacoustic Evolution BLACK.rca, Sommer Cable Epilogue XLR, FastAudio Black Science mk III XLR
Lautsprecherkabel – in-akustik LS-1205 AIR, in-akustik LS-404 micro AIR, Boaacoustic Mercury
Digitalkabel – Boaacoustic USB-Kabel Silver Digital Xeno, Supra Cables USB 2.0 Excalibur, Supra Cables DAC-XLR AES/EBU, Supra Cables Excalibur DAC-XLR AES/EBU, WSS Platin Line DIGI 2 RCA
Netzwerkkabel – Wireworld Starlight 8, Boaacoustic SIGNAL.lanCat.6A, Supra Cables CAT8+
Netzkabel – Netzkabel Supra Cables LoRad 2.5, bfly bPower, WSS-Kabel Platin Line N3 & N4
Zubehör – Netzleiste Supra Cables LoRad MD07 DC 16 EU SP MKIII, SBooster BOTW P&P Netzteil, NuPrime AC-4 Power Conditioner, NuPrime Omnia SW-8 HiFi Netzwerk-Switch, Innuos PHOENIX USB-Reclocker, MUTEC MC3+ USB, Ideon Audio 3R USB Renaissance mk2 Black Star, Puritan Audio GroundMaster CITY & RouteMaster
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Test: Regallautsprecher Chario Constellation mk2 Lynx um 1.500 Euro – Unsichtbare Schönheiten
