Zu Besuch bei … der jazzahead! und dem Deutschen Jazzpreis 2026 in Bremen
Stille Tränen und Standing Ovations – 20 Jahre jazzahead!
Unser letztjähriger jazzahead!-Bericht endete mit den Worten: „Ich bin auch 2026 wieder dabei – ob als Moderatorin oder einfach nur so.“ Gesagt, getan: Im April war ich in Bremen – tatsächlich „einfach nur so“. Als Berichterstattende und Beobachterin, ohne weitere Rolle auf der Messe und beim Jazzpreis. Aber keine Sorge! „Einfach nur so“ bedeutet keineswegs, dass ich untätig war. Zwischen Showcases und Sessions, Panels und Pressoffice, Handshakes und Hinterbühnen habe ich auch dieses Jahr wieder die neuesten Entwicklungen der Szene eingefangen, aktuellen Strömungen nachgespürt – und natürlich auch wieder jede Menge Musik mitgebracht, die Sie nicht verpassen sollten. Lasset die Spiele beginnen!

Wir schreiben den 15. April 2026. Schon heute, eine Woche vor Messebeginn, kann ich mich in der Bremer Landesvertretung in Berlin im Rahmen einer Pressekonferenz sowohl thematisch als auch musikalisch auf die 20. Jubiläumsausgabe der jazzahead! einstimmen. So etwa soll es diesmal nicht nur 120 Konzerte im gesamten Bremer Stadtgebiet geben – erstmals ist auch Bremerhaven mit an Bord der wohl „internationalsten Veranstaltung, die Bremen zu bieten hat“, so Sybille Kornitschky, Leiterin der jazzahead! – oder, wie ich später einen Fachbesucher zum anderen sagen hören werde: die Chefin von dit Janze.
Die schiere Menge der Veranstaltungen, die sich auf drei(-einhalb) Tage verteilen, deutet schon an, dass man auch dieses Jahr wieder vor die Qual der Wahl gestellt wird. Wen sehen, wen verpassen? Wen hören, wen überhören? Wen treffen, wen meiden? Der Messeleitung ist dies durchaus bewusst. Beinahe schon resigniert räumt Götz Bühler, seit 2024 künstlerischer Messeleiter, ein: „Wenn man ehrlich ist: Es sind mehrere Veranstaltungen in einer. Man muss sich entscheiden.“
Und so steht spätestens mit dieser Ausgabe der jazzahead! unverrückbar fest, dass im Vorfeld zu Hause gefasste Messetouren wie die Fahrpläne der Deutschen Bahn sind: gut gemeinte, doch letztendlich unverbindliche Absichtserklärungen. Schon in den ersten dreißig Minuten des Messerundgangs, die uns am Donnerstagabend dank der unergründlichen Wege der Bundesbahn noch verbleiben, werden wir bereits von einem lose befreundeten Promoter abgefangen, um uns in den Zeitplan diktieren zu lassen, was wir unbedingt noch hören, wen wir nicht verpassen, wen wir kennenlernen müssen. Notiert.
Anstatt Sie aber wie gewohnt minutiös durch unseren persönlichen Plan zu führen, möchte ich mein Augenmerk diesmal auf besonders (nach-)hörenswerte Musiker und ausgewählte Auftritte legen – und auf die Frage, warum der Jazz nicht schlafen kann.

Dabei beginnt der Blick naturgemäß beim diesjährigen Partnerland Schweden, das mit einer langjährigen Jazztradition, die den internationalen Vergleich nicht nur nicht scheuen muss, sondern Maßstäbe setzt, aufwartet. Schon bei der Vorab-Pressekonferenz erklärt Anneli Strömqvist, Botschaftsrätin für kulturelle Angelegenheiten bei der Schwedischen Botschaft in Berlin, das Phänomen: „Als kleines Land haben wir uns schon immer am internationalen Markt ausrichten müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben – so auch in der Musikindustrie.“
Ihre Konkurrenzfähigkeit in Sachen Jazz haben die Schweden immerhin so gut hingekriegt, dass der Swedish Jazz eine eigenständige Klangwelt bildet, in der amerikanische Improvisation auf melancholische nordische Volkslieder trifft, deren „Nordic Tone“ vom Publikum oft als lyrisch und wehmütig erlebt wird. Typisch sind der klare, kühle Ton, der zumeist, ähnlich dem Cool Jazz, wenn überhaupt, dann nur leicht gehaucht wird, die feine melodische Sensibilität für kammermusikalische Strukturen und die spürbaren Einflüsse von Folk und Klassik.
Diese charakteristischen Züge spiegeln sich, mal weniger, mal stärker ausgeprägt, auch im aktuellen schwedischen Jazz wider, der Pop, Elektronik und traditionelle Folklore mit bemerkenswerter Innovationskraft integriert und dabei oftmals an das Erbe des legendären Esbjörn Svensson Trios (e.s.t.) anknüpft. Protagonisten wie Nils Landgren, Jan Lundgren, Monica Zetterlund oder Lisa Ekdahl prägen diesen Klang heute. Auch wenn von den Genannten niemand im Rahmen der jazzahead! spielt, werden wir mehr als entschädigt, indem wir dem legendären e.s.t.-Schlagzeuger Magnus Öström mit einem ganz besonderen Projekt begegnen – das, soviel sei an dieser Stelle bereits verraten, zum absoluten Messehighlight wird.
Aufgefahren hat Schweden zur Eröffnung des Showcase-Festivals am Donnerstag den lyrischen Piano-Jazz des Joel Lyssarides Trios, während das rauschende Finale am frühen Sonntagmorgen durch Posaunist Kristian Persson mit seiner Funk-Jazz-Band Nine Sparks Riots bestritten wird. Dazwischen sind Künstler wie Agnas Bros., Bitoi, Hederosgruppen, Britta Virves Trio, Daniel Karlsson Trio und Langendorf United zu hören, während in der Clubnight Acts wie Svante Söderqvist, Bach Jazz oder das Emil Brandqvist Trio spielen, dessen poetische Klänge ich an dieser Stelle ausdrücklich zum Nachhören empfehlen möchte.

Nach dem intensiven Blick auf das Partnerland Schweden richtet sich mein Augenmerk auf Deutschland, das von Messe-Pressesprecher Jan Paersch nicht grundlos als „Dauerpartnerland“ bezeichnet wird – gehört doch die German Jazz Expo, eine Art Werbefläche und Sprungbrett für deutsche Jazz-Acts, zu jeder jazzahead! wie der Gin zum Tonic: unverzichtbar und prägend für das Gesamterlebnis.
Apropos Gin&Tonic: Natürlich haben die einzelnen Länder wieder ihre hochprozentigen Spezialitäten im Gepäck – die Isländer etwa den von der renommierten 64°Reykjavik Distillery hergestellten Lundey Gin, dessen Farbe angeblich das Blau des Ozeans widerspiegelt. Bis auf das unverzichtbare belgische Starkbier bei der Belgian Reception, dem einen oder anderen Westschweizer Weißwein und den mittlerweile traditionellen Käpsele-Empfang der Schwaben halte ich mich diesjahr allerdings stark zurück, weshalb die gewohnte Weinempfehlung direkt von der Messe, die üblicherweise an dieser Stelle folgt, entfällt.

![Backstage bei Richard Koch: Hinter der Bühne wird weitergespielt [Foto: Victoriah Szirmai]](https://hifi-ifas.de/wp-content/uploads/2026/05/Jazzahead-2026-Bild-05-VSz.jpg)
Welch Glück, wenn einen der Technische Leiter vom letzten Jahr wiedererkennt, sodass man das zauberhafte Duett von Koch und Fabiana Striffler, mehr als lediglich sekundiert von Nora Thiele an der Frame Drum, Valentin Butt am Akkordeon und Igor Spallati am Bass, von der Seitenbühne aus der Perspektive der Lichtregie beobachten kann – derweil die Techniker während des Auftritts mit einer Runde Mario Kart 8 Deluxe entspannen. Auch das ist jazzahead!: Einmal Familie, immer Familie!
Blick aus Sicht der Lichtregie: Richard Kochs Tanz mit dem Mond
Der Fokus auf den Deutschen Jazz zieht sich auch jenseits der German Jazz Expo konsequenter denn je durch die Messe: Um ihn besonders sichtbar zu machen, hat man – ganz im Gegensatz zu 2024, wo wir zu diesem Zweck zwischen Bremen und Köln pendeln mussten – wieder den (räumlich wie zeitlich) engen Schulterschluss mit dem Deutschen Jazzpreis gesucht, der am Messesamstagabend verliehen wird. Diese „Elefantenhochzeit“, wie Kornitschky das gleichzeitige Zusammenfallen beider Veranstaltungen bezeichnet, stößt nicht überall auf ungeteilte Freude. „Ich werde bestimmt nicht zu diesem Preis gehen“, schimpft eine Fachbesucherin. Es sei ein Unding, erklärt sie, den auf den Samstags-Showcases auftretenden Künstlern durch die Preisverleihung jenes Fachpublikum zu entziehen, auf welches diese zwingend angewiesen sind.

Ein valides Argument. So etwa konkurriert der Deutsche Jazzpreis mit dem Auftritt der frankoschweizer Kontrabassistin, Sängerin und, ich möchte sagen: Performancekünstlerin Louise Knobil, für deren furios-lustiges Showcase wir uns eigens fortschleichen. Das geht problemlos, findet die Preisverleihung diesjahr doch praktischerweise gleich im benachbarten Kongresszentrum der Messe und damit nur eine Fahrradminute von den Showcases entfernt statt. Allerdings verpassen wir, als wir – nicht ganz so – reumütig wieder unsere Plätze beim Jazzpreis einnehmen, den Showcase des israelischen Sharon Mansur Trios, den ich, angeregt durch sein auf ACT erschienenes Debüt Trigger (2025), unfassbar gern gesehen hätte. Einen Tod muss man eben sterben.
Trotz kleiner Verluste wie diesem wird sofort klar, dass der Deutsche Jazzpreis mehr ist als ein zeitlicher Konflikt, obgleich in der Szene oft gilt: Was auch immer er macht, macht er falsch. Auch ich habe in den letzten Jahren nicht mit Kritik gespart, kann aber nicht umhin festzustellen, dass sich die Veranstaltung enorm professionalisiert hat, sodass man zeitweise gar den Eindruck hatte, den Grammys beizuwohnen, inklusive opulentem Büffet.
![Dessert deluxe: Deutscher Jazzpreis besser denn je – [Foto: Victoriah Szirmai]](https://hifi-ifas.de/wp-content/uploads/2026/05/Jazzahead-2026-Bild-07a-VSz.jpg)

Allein die musikalische Bühnenshow, die neben den erfreulich gestrafften Wortbeiträgen bestritten wurde vom Lüneburger Schlagzeuger Lukas Akintaya Adeolu, hilde – vier Musikerinnen mit vier Köpfen und acht Armen in einer Person vereint, die uns mit enormer Sanftheit konfrontiert –, der indisch-amerikanischen, Quincy-Jones-erprobten Klangkünstlerin gangavya und dem zwischen HipHop, R&B und Souljazz mäandernden Moses Yoofee Trio sowie, inoffiziell, Daniel Erdmann, der den Lebenswerks-Preis für seine aufgrund einer Verletzung nicht anwesende Duettpartnerin Aki Takase entgegennimmt und in seiner Laudatio lieber sein Saxophon anstatt vieler Worte sprechen lässt, war nicht von dieser Welt! Überzeugen Sie sich gern selbst – den Mitschnitt der kompletten Preisverleihung gibt es mittlerweile auf YouTube zu sehen.
Wer jetzt nicht auf der Aftershow-Party des Jazzpreises versackt, kommt in den Genuss der Night Showcases der jazzahead!, etwa jenem des senegalesischen Sängers und Gitarristen Sahad, der gleich mal den Namen der Messe in Frage stellt. „Jazzahead?“, ruft er, und fügt sogleich nachdrücklich hinzu: „Jazz is not for the head, Jazz is for the heart!“, um dann die mitternächtliche Crowd mit einer kochenden Mixtur aus Afrobeat, Rock, Funk und Soul zu rocken.

Auch während der anderen internationalen jazzahead!-Showcases gibt es einiges zu hören, das sich in Körper, Geist und Seele festsetzt. Etwa N∆BOU, das Quartett der Belgierin Nabou Claerhout, das mit „Light Blue Shawl (for Stijn)“, einer Hommage an einen jüngst verstorbenen Freund, von seinem neuen Album Indigo die sonst so funktionale Messehalle 7.1 mit einer melancholisch-balladesken, geisterhaften, nahezu unwirklichen Atmosphäre überzieht.
Some kind of blue: N∆BOU
Ganz anders, aber nicht minder eindrucksvoll das Wajdi Riahi Trio: Die Band um den in Tunis geborenen und in Brüssel lebenden Pianisten verbindet im Zusammenspiel mit Bass und Schlagzeug die klanglichen Farben seiner nordafrikanischen Wurzeln mit melodischer Tiefe und subtiler Improvisation, was seine Musik zu einer erzählerischen Reise zwischen Orient und Okzident macht.
Nach so viel atmosphärischen Klängen lohnt sich ein Blick auf die Präsentationen der Aussteller. Besonders ins Auge springt, dem begleitenden Ehemann-Fotografen sei Dank, der Schweizer Stand, der diesjahr im werbewirksam großflächig zur Schau gestellten Schweizer Line-up auch mit den fest in den Messeauftritt integrierten Schriftzügen von „HiFi-IFAs“ und „Klangverführer“ aufwartet. Wie kommt’s? Mein bildgebender Begleiter ist in meinem Auftrag, also für den Klangverführer, akkreditiert, und gemeinsam berichten wir für HiFi-IFAs, also für Sie, lieber Leser.

Apropos Sampler: Dieses Jahr finden erstaunlich wenige Compilations und überhaupt CDs ihren Weg in mein Gepäck. Mit dabei: Make Jazz Punk Again – dessen Werbeaufkleber sich auf der Messe fast größerer Beliebtheit erfreuen als der von der Labeldivision Howling Jazz, Tochter der schwedischen Music Entertainment Company Bark At Your Owner!, herausgegebene Sampler selbst –, außerdem die in Form eines Multitool-Schlüsselanhängers daherkommende Discover Irish Jazz-Playlist. Auch Saxophonist Peter Ehwald, frisch gekürter Jazzpreis-Träger in der Kategorie Holzblasinstrumente, bringt das neue Album seines aktuellen Ensembles ~su in kreativer Verpackung heraus: Statt einer physischen CD hat er einen hochwertigen Fächer mit aufgedrucktem Downloadcode produzieren lassen, der nicht nur die Korea-Thematik des Albums symbolisch aufgreift, sondern auch jenem Umstand Rechnung zollt, dass auch diejenigen, die nur einen Download kaufen, gern etwas Physisches in der Hand haben wollen.

So sehr die Messehallen von originellen Ideen geprägt sind, so viel Lebendigkeit wartet auch außerhalb der offiziellen Stände. Gerade die berüchtigte Clubnacht, die sich eigentlich nur im Taxi halbwegs bewältigen lässt, will man mehr als zwei Locations sehen, bietet das perfekte Gegenstück, um das Herz der jazzahead! hautnah zu erleben: die Musik.
Meine im Vorfeld ausgeklügelte Reiseroute war schon mit der Berliner Pressekonferenz hinfällig, als ich dort erstmalig eine Kostprobe des Duoprojekts von Magnus Öström und Andrii Pokaz hören durfte. Dieses widmet sich ganz den Kompositionen des ukrainischen Pianisten, die durch ihre virtuose, fluide Struktur, vor allem aber durch dieses perfekt ineinandergreifende Zusammenspiel eines Klaviers zwischen superzarter Intimität und kraftvoller Dramatik mit einem durch seine erstaunliche Feinfühligkeit und Präzision bestechenden Schlagzeug etwas wirklich Einmaliges besitzen.
Noch blüht der Kirschgarten in Berlin …
Die im November letzten Jahres – bislang nur digital – veröffentlichte Sechs-Song-EP Wakeido Island bietet ein Spannungsfeld aus modernen Jazz-Harmonien, subtiler Elektronik und lyrischen Melodien, die mal melancholisch, mal mitreißend, manchmal beides gleichzeitig sind. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir neben meinem Favoriten, dem Titeltrack, vor allem das ukrainische Volkslied „Ой, у вишневому саду“ („Oh, im Kirschgarten“), das schon in der eher nüchternen Atmosphäre der Bremer Landesvertretung die Seelen der hartgesottensten Journalisten zu rühren vermochte.
Keine Frage, dass ich das in Bremen noch einmal sehen muss – zumal das Duo den Bremer St. Petri Dom als Konzertlocation auserkoren hat, der zum ersten Mal überhaupt im Rahmen der jazzahead! bespielt wird. Um es vorwegzunehmen: Es ist ein rauschendes Konzert. Nicht nur, dass es mir im Gegensatz zu Berlin gelungen ist, mein Lieblingsstück „Wakeido Island“ zu filmen (schließlich wusste ich damals noch nicht, dass es mein Lieblingsstück wird – ohnehin immer eine Herausforderung beim Filmen von Musik, der man zum ersten Mal begegnet), sondern auch, dass ich damit gleich einen unmittelbaren Eindruck von der ehrfurchterregenden Gewaltigkeit des Doms einfangen konnte.
Von „Wakeido Island“ zu „Traparise“ – einem Kofferwort aus Trap und Paradise. Das endlose Motiv spricht ganz für sich.
Auch hier ist es der Kirschgarten, der das Publikum verzaubert. Nachdem die letzten Töne des dramaturgisch klug am Ende platzierten Stücks verklungen sind, bei dem man eine Stecknadel hätte fallen hören können, und das Publikum zwischen stillen Tränen und Standing Ovations hin- und hergeschüttelt ist, gibt eine Besucherin in Rückschau an: „Das war magisch, einfach wunderbar, zum Weinen schön – ich bin so begeistert über dieses für mich herausragende Konzert der jazzahead! und werde es nie vergessen!“ Auch wir beschließen: Das hier muss nachklingen. Keine weiteren Clubnachtbesuche für uns.
…nun treibt er seine Blüten zum Domdach hinaus.
Der nächste Morgen steht für uns dann ganz im Zeichen des intellektuellen Messeteils. Schließlich laden jede Menge Panels und Workshops dazu ein, drängende Fragestellungen zu diskutieren – und den einen oder anderen Impuls zu sammeln. Überhaupt, das Fachprogramm, das schon längst kein Begleitrauschen mehr ist! Hier werden in fünfzig Diskussionen und Workshops aktuelle Themen von KI- bis Touring-Trends behandelt. Der thematische Fokus liegt dabei wieder auf dem seit Jahren brennenden Langzeitthema Zukunft, also Nachwuchs – beziehungsweise dessen Ausbleiben. Ja, die Bevölkerungs(über)alterung ist auch ein demographisches Problem, doch gibt es auch darüber hinaus weitere Faktoren, die den Jazz-Nachwuchs bremsen – dazu gleich mehr.
Die Messe fokussiert sich mit Projekten wie dem Jazz Camp For Girls – das während der Osterferien zwölf Mädchen zwischen acht und zwölf Jahren die Möglichkeit bot, sich an verschiedenen (Rhythmus-)Instrumenten auszuprobieren und in einem Kinderkonzert im Bremer Kriminaltheater am 24. April gipfelte – verstärkt auf künftige Hoffnungsträger. Auch die Zukunft der Spielstätten gehört zu den einschlägigen Langzeitthemen, vor allem, da sich viele mit einem Generationswechsel der Betreibenden konfrontiert sehen.
![Photographers photographed: Manchmal werden Dokumentierende zum Motiv. David J. Hotz und Ralf Dombrowski im Gespräch über die Zukunft des Jazzjournalismus [Foto: Victoriah Szirmai]](https://hifi-ifas.de/wp-content/uploads/2026/05/Jazzahead-2026-Bild-11-VSz.jpg)
Doch zurück in die Zukunft. Und zwar der des Jazz. Wir besuchen das Panel „Let Me Sleep“, das sich der psychischen Gesundheit von Jazzschaffenden widmen will – nicht zuletzt in der Hoffnung auf Inspiration, wie mit eigener Mehrfachbelastung umzugehen ist. Dabei ist jedem der Teilnehmenden klar: Die Szene lebt von Selbstausbeutung. Fotograf und Journalist Ralf Dombrowski etwa denkt im Press Office schon mal laut darüber nach, dass es „niemanden mehr gibt, der über Jazz schreibt“, womit er den Nachwuchs meint. „Jazzjournalismus ist einfach unattraktiv. Wir sind die letzte Generation, die Selbstausbeutung akzeptiert“. Das ist gut für die jungen Leute, aber schlecht für den Jazz.

Moderiert von Iris Hinze (Clubverstärker Bremen e.V.) und Gunnar Gessner (Klubnetz Niedersachsen, MusikZentrum Hannover), Vorstände der LiveMusikKommission, der Bundesvertretung von rund 830 Musikclubs und Festivals in über 100 Städten und Gemeinden, nehmen vier Panelisten und 22 Zuhörer gleich zu Beginn Bezug auf die Festivalstudie vom September 2025, die erstmals in belastbaren Zahlen zeigt, dass die deutsche Festivallandschaft trotz ihrer Vielfalt und Bedeutung strukturell unter wachsendem Druck steht. Immerhin basiert die Festivalstruktur vollständig auf Ehrenamt – und auch der Löwenanteil der Jazzclubs wird ehrenamtlich betrieben.
So etwa ist der Englische Bahnhof in Husum ein Non-Profit-Jazzclub, der das Glück hat, dass das Gebäude dem Betreiber Gerd Beliaeff gehört. Die auftretenden Musiker werden in einer eigenen Ferienwohnung einquartiert und mit Hausmannskost sowie direktem Familienanschluss versorgt, sodass keine Kosten für Übernachtung und Verpflegung getragen werden müssen. Der Eintritt kann damit vollständig in die Gagen fließen.
Beliaeff: „Wenn an der Bar mal eine Flasche Wein mehr getrunken wird, macht der Club vielleicht 80 Euro Plus an einem Abend, im Normalfall ist es aber ein Nullsummenspiel.“ Die überschüssigen 80 Euro werden in eine Art Fonds zum Cluberhalt gesteckt – Gehälter gibt es nicht. Im Gegensatz zu vielen anderen Clubbetreibern, die mit ihren privaten Finanzen den Betrieb stützen, ist Beliaeff der Auffassung: „Man soll ja nicht an sein Privatgeld gehen, sonst hat das irgendwann gesundheitliche Auswirkungen.“
Bei den Musikern kommt das charmante, wenn auch aus der Not geborene Konzept der engen familiären Einbindung jedenfalls an. Große Namen, die sich sonst eher selten in Kleinstädte verirren, geben sich am Englischen Bahnhof die Klinke – oder mehr noch: das Mikrofon – in die Hand, etwa David Helbock, der dort am 5. Juni 2026 auftreten wird.

Die weitere Diskussion greift zusätzliche Fallbeispiele auf, richtet den Blick aber auch auf den großen strukturellen Missstand einer chronischen Unterfinanzierung der Kultur. So haben viele in einem e.V. Beschäftigte noch einen regulären Tagesjob: „Die Dinge müssen abends oder sogar nachts passieren.“ Eine Tatsache, die auch wir bei HiFi-IFAs zur Genüge kennen …
Die mangelnde finanzielle Planbarkeit und daraus resultierende unzureichende Altersabsicherung belastet viele Akteure so stark, dass dies nicht mehr als individuelles, sondern als strukturelles Problem zu begreifen ist. Eine Folge davon ist, dass immer mehr Begegnungsräume wie etwa Jazzclubs verschwinden. Diese hängen oft an einzelnen Personen, die sich das Betreiben zur Lebensaufgabe gemacht haben – mit absehbaren Folgen: „Wenn die das nicht mehr machen, sind die Festivals oder Clubs tot.“
Aktuell stehe man vor dem bundesweiten Problem, dass viele Club- und Festivalbetreiber bereits in ihren Siebzigern sind und den auftretenden Musikern nicht selten zu verstehen geben: „Ich weiß nicht, ob ich das nächstes Jahr noch machen kann.“ Daraus ergibt sich eine zunehmende Auftrittsunsicherheit für die Musizierenden, die ihrerseits ihre Booking-Kalender mit einem gewissen Vorlauf füllen müssen, um Planungssicherheit zu haben. Ein Teufelskreis.
Wie also können Lösungen aussehen? Eine Stimme aus dem Publikum plädiert für mehr Eigeninitiative: Die Akteure müssten lernen, besser für sich selbst zu sorgen. Mittlerweile entstehen aber auch kollektive Anlaufstellen, die die Last der Problembewältigung nicht dem Einzelnen und seiner individuellen Resilienz überlassen. So etwa hat sich die Clubcommission Berlin mit der Charité zu einem Projekt im Bereich Mental Health zusammengeschlossen. Auch beim Deutschen Musikrat hat ein Umdenken eingesetzt: Die Kulturszene wird zunehmend als Ökosystem begriffen, in dem alles mit allem zusammenhängt – mit der Konsequenz, dass auch bislang vernachlässigte kleine Initiativen stärker gefördert werden sollen.
![In Praise of Eigeninitiative: Gesundheit in die eigenen Hände nehmen – oder in vertraute legen. Nora Thiele knetet backstage Richard Koch die Schultern [Foto: Victoriah Szirmai]](https://hifi-ifas.de/wp-content/uploads/2026/05/Jazzahead-2026-Bild-14-VSz.jpg)
Dass solche Fragen längst nicht mehr nur Randnotizen sind, zeigt sich auch jenseits dieses einen Panels: Der Andrang auf die Diskussionsformate ist derart groß, dass zuweilen sogar die Kopfhörer knapp werden – besonders bei „Anyone can book a gig“ (mit Agentin Katherine McVicker) und dem Talk mit Genevieve Artadi und Louis Cole von Knower über ihren kreativen Prozess – und wie sie die Aufmerksamkeit ihrer 200.000 Follower aufrechterhalten können.

Diese Resonanz spiegelt sich auch in Zahlen: Mit 2.984 Fachteilnehmern aus 62 Ländern und erneut über 20.000 Besuchern bestätigt die jazzahead! ihre Rolle als einer der wichtigsten internationalen Marktplätze für Jazz. Zum Abschluss richtet sich der Blick bereits nach vorn: 2027 übernimmt erstmals das Baltikum die Partnerrolle. Estland, Lettland und Litauen wollen sich als gemeinsame Exportplattform präsentieren, ohne ihre jeweiligen Eigenheiten aufzugeben.
Und doch erschöpft sich die Bedeutung der jazzahead! nicht in Zahlen und Ausblicken: Ob man sie nach zwanzig Jahren nun als stillen Rückzugsort für alteingesessene Fans oder als pulsierende Bühne für frische Impulse betrachtet, bleibt jedem selbst überlassen. Fakt ist: Die Messe zeigt einmal mehr, dass Jazz nicht nur ein historisches Erbe ist, sondern ein lebendiges, manchmal widersprüchliches Feld mit unterschiedlichsten ästhetischen Ansätzen und Ausdrucksformen.
Zwischen etablierten Größen und jungen Stimmen entsteht eine Spannung, die nicht immer harmonisch, dafür umso aufrüttelnder ist. Wer glaubt, man könne hier nur beobachten, wie Trends sanft zirkulieren, unterschätzt die Dynamik – und verpasst vielleicht genau das, was Jazz neben stetem Wandel heute ausmacht: ein Aushalten(müssen/können/lernen/dürfen) des Ungewissen.

Zum Schluss bleibt ein Eindruck von Fülle: Viele Ideen sind vorgestellt, viele Begegnungen eingefädelt, viele Pläne geschmiedet worden. Die Frage lautet: Werden sich diese Impulse – und wenn ja, wie sehr – tatsächlich im Jazz der Zukunft niederschlagen oder bleiben sie ein faszinierendes, aber flüchtiges Messe-Phänomen? Es bleibt abzuwarten, wer den Schritt vom Messestand in die Praxis geht.
Fakt ist: Jazz lebt – aber unter Bedingungen, die ihn zugleich gefährden. Seine Zukunft entscheidet sich nicht an seiner künstlerischen Qualität, sondern daran, ob seine Strukturen ihn überhaupt noch tragen können. Kurz: Der Status quo trägt sich nicht. Der aktuelle Weg funktioniert nicht mehr.
Vielleicht braucht es für das Überleben des Jazz vor allem eines: den Willen, ihn wieder riskanter zu denken. Nicht musikalisch. Sondern strukturell, organisatorisch, ökonomisch. Anders gesagt: Make Jazz Punk Again. Vielleicht schon zur nächsten jazzahead!, die vom 21. bis 24. April 2027 am gewohnten Ort stattfindet.
Fotos: David J. Hotz (wenn nicht anders angegeben)

