Zurückleseversuch
Various Artists | Naive Melodies
(BBE Music/SPV)
Ich gestehe: Ich habe mich nie sonderlich für die Talking Heads interessiert. Ihr Sound – irgendwo zwischen einem stets leicht verkopft daherkommenden Avantgarde-Art-Pop, New Wave, Post-Punk, Psychedelic-Rock und „World“-Exotismus – lässt mich seltsam unberührt. Zu kühl vielleicht, zu konzeptuell, zu sehr Kopfmusik.
Setzt man aber das Wörtchen „Coverversion“ – oder, von mir aus, auch Tribute – hinzu, werde ich hellhörig. Mehr noch, wenn Namen wie Bilal, Theo Croker oder Georgia Anne Muldrow im Line-up der Various Artists stehen, die sich mit Naive Melodies – einer Anspielung auf den 1983er-Hit „This Must Be the Place (Naïve Melody)“ – ihrer persönlichen Interpretation des Materials der von 1975 bis 1991 wirkenden Amerikaner verschrieben haben. Dann nämlich kippt Skepsis in Neugier. Nicht nur, dass ich generell eine große Freundin der Re-Interpretation bin. Sondern auch, dass ich weiß: Wo diese Künstler auftauchen, wird es selten bloß respektvoll – sondern oft transformativ. Und, im besten Sinne, soulig.
Naive Melodies, kuratiert von Drew McFadden – der bereits mit dem Bowie-Tribut Modern Love ein feines Gespür für solcherlei Neuvermessungen bewiesen hat – macht genau daraus sein Programm: keine Hommage, sondern eine Rücküberführung. Ein Versuch, die Musik der Talking Heads zurückzulesen in jene Black Music-Traditionen, aus denen sie sich einst selbst speiste – Afrobeat, Funk, Gospel, Dub, Soul.
Und vielleicht muss man dieses Album tatsächlich so hören, wie es gedacht ist: nicht als Sammlung einzelner Stücke, sondern als Wegstrecke. Als ein Durchlaufen. Als ein bewusstes Sich-Aussetzen gegenüber Brüchen, Richtungswechseln, Irritationen.
Also hören wir.
Der Einstieg: Das orchestrale „Heaven“ des Los Angeleser Geigers Miguel Atwood-Ferguson. Ein Vorhang, der sich ouvertürengleich hebt – oder zumindest zu heben versucht. Was als Prolog gedacht ist, bleibt aber seltsam leer, formelhaft, voraussehbar, kurz: langweilig in seiner movieesken Überdeutlichkeit. Musik, die Klassik sein will, aber Broadway ist. Dann aber Pachyman mit „Sugar On My Tongue“! Plötzlich erklingt sinnlicher Groove in Form von basslastigem Hypno-Dub mit einem prickelnden Spritzer Elektrotango. Als hätte man die Hypnotix („Rastaman in Prague“) eingeladen, im Bajofondo Tango Club aufzulegen. Sofortiger Sog. Anders ausgedrückt: My kind of groove!
Doch dann gleich wieder der nächste Bruch. Die Zamrocker von W.I.T.C.H. treiben „Once In A Lifetime“ in Richtung nervös-überdrehtem Dirty-Garage-Psych-Rock mit einem Schuss Uptempo-Afro. Sicherlich kann man das mögen, kann man das feiern. Ich kann es nicht. Es ist mir – im Gegensatz zu ihren jamesbownesken Originalen wie „Evil Woman“ aus Fools Ride – zu viel, zu laut, zu sehr in dieser ganz bestimmten Postrock-Fusion-Energie gefangen, die mich eher abstößt als mitnimmt.
Was aber an dieser Stelle der Compilation bereits sehr klar ist: Die Naive Melodies werden keine kohärente Klangwelt anbieten. Es ist kein Genre-Album. Kein Jazz-Album, kein Rock-Album, kein irgendwas-anderes-Album. Es ist – wenn überhaupt – ein Album für Menschen, die Freude an der Verschiebung haben. Und wahrscheinlich noch mehr für jene, die die Originale so gut kennen, dass sie diese Verschiebungen überhaupt erst als solche hören können.
Zum Beispiel den eklatanten Unterschied zwischen – mediokrem – Original und – ziemlich genialer – Interpretation, wie er Georgia Anne Muldrow mit „Girlfriend Is Better“ gelungen ist. Ihrem dunkel pulsierenden Soulstück kann man einzig anlasten, dass sein stoisch durchlaufender Beat ohne den allerkleinsten Bruch wie programmiert wirkt – gänzlich überraschungsfrei, was den Geist des Originals wiederum gut einfängt. Zudem funktioniert es auch gerade deshalb, weil allein Muldrows Stimme alle Spannung in sich – und damit alles andere – trägt.
Bisheriger Lieblingssong des Albums aber ist „Psycho Killer“ – und zwar in einer Version, die sich jeder Erwartung entzieht. Statt des (pseudo-)druckvollen Originals mit seinem flammenden Text und Haarspraywerbungs-Ba-ba-ba-ba-Refrain kreiert die franko-kamerunische Autodidaktin Astrønne mit ihrer Stimme irgendwo zwischen Elizabeth Fraser und Billie Eilish eine ätherisch fließende, nahezu körperlose Musik, eingebettet in Akustikgitarren-Fragmente, Lo-Fi-Texturen und nicht-störende Störgeräusche, wie man sie von Ada oder Puma Blue kennt, und damit eine jener seltenen Interpretationen, die etwas wirklich Eigenes, Neues schaffen. Eine echte Entdeckung!

Kenny Dope zieht mit „Born Under Punches (The Heat Goes On)“ nicht nur das Tempo wieder an, sondern bringt mit einem originalgetreu prominent geslappten Bass und einer Stimme, die als Leader eines politisch-fordernden Kollektiv-Rufs funktioniert, auch wieder Erdung in die Naive Melodies. Nice! Doch dann wieder: Widerstand. Liv.e vereinen in „I Zimbra“ alles, was ich an Musik nicht mag. Eine in ihrer Allzudeutlichkeit plastisch anmutende Auf-Vier-Betonung des verdächtig nach E-Schlagzeug klingenden Beats, ein gniedeliges Gitarrensolo, das sich selbst im Weg steht, sowie eine Gesamtästhetik einer von Pink Floyd inspirierten Hobbyband, die Pink Floyd nicht verstanden hat. Auch Rosie Lowe öffnet keinen Zugang zu den Melodies. Vielmehr fungiert ihr „Burning Down The House“ sehr originalangelehnt als verbesserungsbefreites synthetisches Konstrukt irgendwo zwischen 80ies-Aerobic-Soundtrack und Industrial Light, unterlegt mit einem enervierend kühlen Wave–Puls.
Vielleicht deutet sich hier aber auch die eigentliche Qualität dieser Compilation an: dass sie es aushält, nicht zu gefallen. Denn plötzlich – und vielleicht gerade deshalb – wirken die leisen, organischen Momente umso stärker. Wie etwa EBBAs Interpretation von „Uh-Oh Love Comes To Town“, die die menschliche Stimme ins Zentrum stellt und mit kleinen, jazzharmonischen Verschiebungen, einem Hauch Verträumtheit, ohne Dreampop zu sein, und dieser kinderinstrumentariumsinspirierten, positiv beschwingten Indiepop-Naivität, die man sonst nur von Stücken wie Yael Naims „New Soul“ oder Corinne Bailey Raes „Put Your Records On“ kennt, entzückt. Dass der das talkingheads’sche Oeuvre dominierende Plastikpuls hier nur noch als fernes Hintergrundrauschen mitläuft, lässt sein Nervpotenzial rapide sinken und tut dieser Musik, die dadurch nachgerade Lagerfeuerbegleitungs-Charme gewinnt, überdies sehr gut.
Und es wird sogar noch besser, wenn Rogê einen ganz anderen Raum öffnet: zunächst reduziert, fast wie eine klassische brasilianische Gitarrenminiatur, gerät ihm das zunehmend rhythmisch aufgeladene „Road To Nowhere“ mit starken Mais que nada-Chören, fast candombe-artigen Drums und vor allem einer packenden, in Teilen an meinem persönlichen Latin-Helden Daniel Puente Encina erinnernden Stimme zu einem Meisterstück dunkler Energie. Vicky Farewell setzt dem mit ihrer suggestiven Stimme auf „And She Was“ eine komplementärkontrastive Leichtigkeit irgendwo zwischen Märchenwald und Jungmädchenbubblegum-Soul, zwischen Unschuld und kalkulierter Süße, entgegen. Ein bisschen wie Shanice, als sie 1991 Minnie Rippertons „Loving you“ coverte.
Florence Adooni packt vom ersten Takt an zu. „Crosseyed and Painless“ wird bei der ghanesischen Frafra-Gospel-Sängerin zum treibend-vibrierenden Hochenergie-Piece mit Helicopter Girl-artigem Düstergeschepper und einem an Synkopen überreichen Bassgroove, der fast in Richtung Breakbeat kippt. Vielleicht könnte man die Interpretation als Highlife in Moll beschreiben, vielleicht schlicht als Afro-Soul – in jedem Fall aber kann sich ihr auch der letzte Bewegungsmuffel nicht entziehen. Auch bei Bilal scheppert’s und stolpert’s: Seine Rendition von „Seen And Not Seen“ ergießt sich in einen reduziert-brüchigen, jazzy Stop’nGo-Spoken-Word-Flow à la A Tribe Called Quest, der den Experimental R&Bler als kraftvollen Poeten zeigt. Der storytellende Trompeter Theo Croker wiederum greift, hier als aktivistischer Beatpoet mit leichtem Let Freedom Reign-Appeal, die „Born Under (More) Punches“-Idee erneut auf und führt sie weiter, bis sie sich mit ihrem urbanen Groove zwischen Soul, Hip-Hop und Jazz nahtlos in Miles Davis’ posthumes Album Doo-Wop einfügen würde, wo sich Jazz und Hip-Hop erstmals ernsthaft begegneten, wäre dieses nicht so klar in den frühen Neunzigern zu verorten.
Und dann plötzlich: Orgel. Bei Dominique Johnsons „Take Me To The River“ fühlt sich auf einmal alles völlig richtig an. Kein wäre, wenn nicht, kein könnte, wenn hätte – hier ist gleich ab dem ersten Takt alles da. Wärme, Gospel, Körper. Und in den letzten 35 Sekunden gibt‘s noch soulful Frauengesang on top. Oh yes, Lord! Frappierend, was man aus einem Original, das mit seinem straighten Vierer-Beat wie der klanggewordene alte weiße Mann klingt, alles zaubern kann. Der Abschluss gehört dem jungen Londoner Komponisten und Sounddesigner Leon Jean-Marie und seiner Klavierballadenfassung von „This Must Be The Place (Naive Melody)“, getragen von einer bezwingenden Stimme, die das ganze Ding samt seiner ikonischen Zeile Never for money, always für love derart versöhnlich nach Hause bringt, dass man ihm auch die überzuckerten Streicher am Schluss verzeiht. Oder, wie er selbst singt: Home is where I wanna be but I guess I’m already there.
Man könnte nun meinen, die Errungenschaft dieses Albums liege nicht darin, Skeptikern die Liebe zu den Talking Heads zu lehren, sondern vielmehr darin, eine Handvoll Künstler (wieder) zu entdecken, deren eigene Arbeiten verfolgt sein wollen – Stichwort Astrønne. Doch dann setzt ein im Hintergrund wirkender, dem stoischen Puls der Musik nicht unähnlicher Prozess ein, in dessen Verlauf man nach Naive Melodies die talkinghead’schen Originale mit anderen Ohren hört – und plötzlich gar nicht mehr ganz so unberührend findet wie zuvor.

Sich durch dieses Cover-Album Stück für Stück hindurchzuhören, hindurchzuarbeiten, manchmal ratlos, manchmal genervt, manchmal aber auch begeistert, führt letztlich zu einer rückwirkenden Transformation, die am Ende zumindest verstehen lässt, warum man die Talking Heads (neu) hören will. Selbstverständlich ist das auch auf Doppel-Vinyl möglich. Ich persönlich kann mit ihnen und ihrer Musik immer noch nicht allzuviel anfangen. Aber jetzt weiß ich wenigstens, warum.
