Tokunbo | Lost & Found
(Yoruba Girl Records)
Ganz bei sich
Wer einem so überzeugend „Vertrau“ ins Ohr gesungen hat wie Tokunbo auf Golden Days, muss damit rechnen, dass die Hörer beim nächsten Album schon mit gepackten Koffern vor der Tür stehen, ohne überhaupt zu wissen, wohin die Reise geht. Lost & Found heißt es bei der Queen of Vintage Folk-Soul noir diesmal – und wer jetzt einwendet, wir seien doch beim letzten Mal gerade erst angekommen, hat natürlich recht. Einerseits. Aber vielleicht ist das mit dem Sichverlieren und Wiederfinden andererseits ja ähnlich wie mit den Goldenen Tagen: Man merkt immer erst in der Rückschau, dass man schon mittendrin war.

Vorher steht allerdings erst einmal die Verpuppung an, trägt der Opener „Cocoon“ doch nicht nur den Rückzugsort, der hier zur Startrampe wird, sondern auch eine Verwandlung im Namen, die bereits ein gutes Stück Positionsbestimmung enthält: „I’m in the driver’s seat“, singt Tokunbo Akinro zu reduzierten Akustikgitarrenklängen, und automatisch denkt man sich „of my life“ dazu. Mag ihr Auto auch „small and slow“ sein – es gehört ganz ihr, während vormals gefühlte Einsamkeit immer mehr zum freiwilligen Alleinsein und damit zu Freiheit wird.
Etwas leichter lässt sich „Stop Motion Movie“ an, das wohl nicht von ungefähr an einen Roadmovie-Soundtrack erinnert, wo sich das Gefühl, alles Negative, all das Genörgel und Generve, kurz: den ganzen Mist endlich hinter sich zu lassen, langsam aber sicher in einem ausbreitet. Wo man frei ist wie die Vögel und diesen ohne konkretes Ziel nomadengleich ins Blaue folgt. Und ja, natürlich ist sowas immer nur so lange wildromantisch-schön, sofern man abends einen Schlafplatz und genügend zu essen hat, doch davon ist hier nicht die Rede. Es geht um den zur Zeitlupe geronnenen Moment von Weggang und Aufbruch und das ihn begleitende Hochgefühl – ganz ohne jene Ungemütlichkeit, die da noch kommen könnte.
Ohne Gefährten macht das alles aber auch keinen Spaß, weshalb auf „70s Magazine Memory“ zur Akustikgitarre noch Violine und Backgroundvocals hinzukommen. Wie autobiografisch auch immer das lyrische Ich hier geraten ist, ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Tokunbo hier die Love-Story ihrer eigenen Eltern erzählt, die aufgrund deren Herkunft aus unterschiedlichen Kulturen sicherlich nicht immer einfach war oder vielleicht sogar, wie im Lied, daran zerbrochen ist.
Auf „On The Corner of Oak Street” dagegen dominieren musikalische Referenzen. Mit seinem leisen Understatement und intimen Erzählton erinnert mich das Stück an Randy Crawford und Suzanne Vega, die zwar in unterschiedlichen Genres zu Hause sein mögen, sich aber die Ästhetik des Adult Contemporary teilen – ein Label, das man auch getrost Lost & Found anheften könnte, sollte es einen nach Etiketten verlangen. Wie auch immer es darum bestellt sein mag, Fakt ist, dass wir es hier mit dem ersten Refrain der Platte zu tun haben, der unfassbaren Ohrwurmcharakter hat und das Album vom Indiepreziosenbauchladen direkt in die Popstratosphäre katapultiert. Das macht riesigen Spaß, und noir ist hier im besten Sinne so gar nichts mehr!

Spaß macht auch „Polaroid Life“ mit seinem Easy Like Sunday Morning-Feel einer unerträglichen Leichtigkeit des Seins, sehr Caféhaus, sehr Paris, sehr Tagtraum und voller – hier noch: eskapistischer – Sehnsucht. Diese kommt in der melancholischen Herzschmerzballade „Lost My Ace“ vollends zum Tragen, und klingt dabei trotzdem sehr gefasst, bleibt sehr bei sich und kommt ohne dramatisierte Verzweiflung aus, die das flehentliche Take me back in time-Sujet üblicherweise kennzeichnet. Hier gilt vielmehr: Schmerz ist in Ordnung, Vermissen ist in Ordnung, Sehnsucht ist in Ordnung – Selbstaufgabe nicht.
Eine musikalische Zäsur erfährt die Platte mit „Under Water“, das nahezu greifbar mit zwingenden Suggestivrhythmen und unergründlichem Treiben, Wabern und Fließen in die Unterwasserwelt entführt. Man erahnt die Verwandlung, an deren Ende das Wiederauftauchen im Unbekannten ein neues Ich hervorbringt. Wieder einmal zeigt sich eines der großen Themen der Platte: Wer durch Schmerz und Verlust schwimmt, kommt danach transformiert – und stärker – am anderen Ufer an.
Und dann gibt’s immer wieder diese großen Pop-Momente wie etwa auf „Ballerina“, wo sich munterer Sophisti-Pop mit einer eingängigen Bee Gees-Melodie und dem Byrds-Refrain-Zitat „Turn, turn, turn“ paart und damit gleichsam das Genrenovum Acoustic Disco kreiert. Mit „Empty Nest“ betritt ein weiteres Lebensthema Tokunbos – war Mutterschaft doch schon die künstlerische Initialzündung zu ihrem 2018er-Album The Swan – die Bühne: die beseelt besungenen Gedanken einer Mutter zum antizipierten Flüggewerden des Kindes zwischen eigener Verlustangst und dem innigen Wunsch, alles getan zu haben, um es für das Leben zu wappnen, was selbst jene, die keine Kinder haben, zu Tränen rührt.

„True DNA“ mit seinem leicht schleppenden Hypnobeat wiederum besticht nicht nur durch sein selfempowerndes Phönix-aus-der-Asche-Sujet, sondern auch durch musikalische Sinnlichkeit – und ist nicht zuletzt deshalb mein persönlicher Albumfavorit. Das norajonesige „When The Summer Ends“ dagegen höre ich als Metapher auf den Sommer des (eigenen) Lebens, von dem man sich melancholisch verabschiedet. Wieder Tränen! Recht eigentlich geht es hier aber um das Ende einer Sommerliebe: Man verspricht, sich Briefe zu schreiben – und weiß schon in dem Moment, das es nie dazu kommen wird.
„To Be Alive“ wirft uns auf unsere nackte Existenz zurück. Man stelle sich vor, in einem Leben aufzuwachen, das sich als nur geborgt herausstellt und plötzlich verschwunden ist – was bleibt dann noch? Und wie erklärt man das der zukünftigen Generation? Bei „It’s Alright“ ist der Titel tröstlich. Der Song: nicht so sehr. Mit einem Fuß tief im Classic Soul besingt das lyrische Ich hier wieder einmal eine Liebe, die nicht mehr da ist – oder zumindest nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form, was aber letzten Endes in Ordnung, eben alright, ist. Und da ist sie wieder, diese Stärke, nicht in Verzweiflung zu verharren, sondern die Dinge so anzunehmen, wie sie eben kommen. Klänge es nicht so blöd, man könnte von einer Erwachsenenplatte sprechen.

Hieß es auf Golden Days noch „Vertrau“, weiß man nach Lost & Found ein bisschen genauer, worauf: auf die eigene Fähigkeit, auch dann weiterzumachen, wenn das Leben sich partout nicht an die sorgfältig ausgetüftelten Pläne halten will. Tokunbo singt vom Loslassen, ohne so zu tun, als täte das nicht weh, erlaubt sich Schmerz und Sehnsucht, ohne sich darin einzurichten, und findet selbst dort noch zu einer leisen Zuversicht, wo längst nicht alles gut ist. Wer verlieren kann, wird finden. Nämlich (zu) sich selbst.
Dass sich diese dreizehn Songs dabei so unaufdringlich ausnehmen, so grundehrlich in ihrer Art als „handgemachte Musik jenseits von KI“, wie die Künstlerin selbst sagt, macht sie umso eindringlicher: Hier muss nichts aufgeblasen werden, damit es – emotional – groß sein darf. Es braucht keine röhrende Stimmgewalt, kein lyrisches Drama und schon gar keine Bombastfrickelei im Studio. Lost & Found lässt los. Und kommt an. Ganz bei sich.

