Levitation | Palimpsest
(Qilin Records)
Überschriebene Echos
Als ich im März 2016 für die Mai/Juni-Ausgabe des Jazzthetik Magazins die erste Veröffentlichung von Tobias Preisigs und Stefan Rusconis Duo Levitation besprach, war ich ob der hier – dank eines durch sein stellenweise nur halb herausgezogenes Orgelregister unglaublich obertonreichen Rusconi und eines Preisig, der ohnehin am Rande des Unhörbaren sein musikalisches Zuhause gefunden hat – erzeugten maximalen Schwebung völlig von den Socken. „Eine untergründige Urkraft“, schrieb ich, „bestrebt, jeden Moment hervorzubrechen und die Grenzen des Hörbaren um ein bislang unerforschtes Stück auszudehnen“. Ich schrieb von einem „jeden einzelnen Ton auslotenden, dem Klang der Stille nachspürenden Album, das die Raumakustik nachgerade greifbar macht, einem modernen Oratorium gleichkommend“, sowie von „gnadenloser Detailbesessenheit“ und „gänsehautverursachendem Atmen“.
Was war es, das mich damals so faszinierte? Im Grunde recht einfach: Preisigs Violine traf auf Rusconis Kirchenorgel, aufgenommen über fünf Nächte in Saint-Étienne im schweizerischen Cully, wobei die Akustik des Kirchenraums nicht bloß Umgebung, sondern wesentlicher Bestandteil der Musik war. Aus Orgelklang, Violine, Hall, Obertönen und Geräusch entstand jene eigenständige Mischung aus Drone, Improvisation und Klangexperiment, die Levitation ausmachte.
Heute, zehneinhalb Jahre später, ist das Konzept zwar keine Überraschung mehr – schließlich gibt es immer nur ein einziges erste Mal –, doch haut gleich zu Beginn des Levitation-Zweitwerks Palimpsest die bloße Wucht des Orgeldrones um, für den allein sich die Investition in vernünftige Wiedergabeketten und jedes goldene Kabel, jeden Netzfilter, jeden D/A-Wandler, jede Vor- und Endstufe und vermutlich auch noch das letzte audiophile Entkopplungsfüßchen lohnt.
Für die beiden Schweizer Musiker war Levitation damals neues Terrain: Wo sich Violine und Kirchenorgel mit dem gewaltigen Raum verbanden, entstand eine Klangsprache, die sich in den folgenden zehn Jahren zwar weiterentwickelt und verändert, ihren inneren Kern aber bewahrt hat. So knüpft Palimpsest an die auf Levitation entwickelte Ästhetik an, versteht sie aber ausdrücklich als Gespräch über die Zeit hinweg: zwischen dem Duo von damals und dem von heute, zwischen Erinnerung und Gegenwart, Schwere und Leichtigkeit, Stille und Klang. Aufgenommen wurde das Album über vier Tage in der St.-Gertrud-Kirche in Hamburg, wo Preisig und Rusconi erneut mit der physischen Präsenz der Orgel, der fragilen Stimme der Violine und dem Kirchenraum selbst arbeiteten – diesmal in Dolby Atmos und damit noch stärker auf eine immersive, den Hörer umgebende Räumlichkeit hin gedacht.

„Continuum“ heißt folgerichtig der Auftakt von Palimpsest, der damit allein von der Bedeutung des Titels her an seinen Vorgänger anknüpft, andererseits aber über nahezu acht Minuten musikgewordenes Ununterbrochenes in Reinform verkörpert, mit all seinen Klangschlaufen und repetitiven Patterns, die klingen, als wären sie schon immer da gewesen – und würden auch noch lange nach uns da sein. Nicht minder hypnotisch ins Hirn fräst sich das dauerwiederholte Acht-Ton-Motiv von „Rays“, welche die tanzenden Staubflocken, von ebenjenen durchs Kirchfenster einfallenden Sonnenstrahlen zum Leben erweckt, förmlich vor das innere Auge führen, während das vordergründig unruhige, im Herzen ob seiner weiten Flächen aber oh-so-besänftigende „Imprint“ sofort Begriffe wie Driften, Floaten und natürlich Schweben, immer wieder Schweben, evoziert.
Das zitatenreiche „Brightness“ wiederum mutet richtiggehend barock an, ein munteres Tänzchen, dargeboten von Cembalo und Violine in alter Mensur in den intimsten Gemächern der Herrschaft, um ihr nach vollbrachtem Tanz mit dem obertonunterdronereichen „Layers“ ein Wiegenlied zu spielen, das sie nicht verdient hat: dem ersten Anschein nach derart ereignisarm, dass man denken könnte, hier passiert rein gar nichts – dabei passiert so vieles! Es ist ein einziges An- und Abschwellen, ein Aufscheinen und Verlöschen, ein Kommen und Gehen. Wer genau hinhört, wird jedenfalls auch vor dem sich langsam, aber beständig aufbauenden Grande Finale keinen Schlaf finden. Und das ist auch gut so, verpasste man sonst doch „Landscape“, das Glanzlicht des Albums, das eine andere, traumverzerrte Art barocker Welten eröffnet, die etwas mit dem Hörerhirn machen, irgendwo zwischen Nucleus accumbens und Amygdala.

Ein weiteres Lieblingsstück ist das traumverlorene „Weaving“, das wieder jede Menge musikalischer Zitate in Preisigs Ton anklingen lässt, vielleicht aber auch nur im Klanggedächtnis verwehte Spuren, ferne Echos, zarte Reminiszenzen weckt. Die „Coda“ lässt einen langsam wieder auftauchen – und erklärt mit all ihren subaquatisch brodelnden, tieffrequent gärenden Untertönen dann auch endlich den Plattentitel, vereinigen sich hier doch im Sinne eines Palimpsests – ein mehrfach beschriebenes Schreibpapier oder Pergament, bei dem der ursprüngliche Text durch Abschaben oder Waschen entfernt wurde, um die Oberfläche erneut zu verwenden – viele Stimmen miteinander: die vergangenen mit denen der Gegenwart und der Zukunft, während irgendwer ständig „Juchu!“ ruft, ein gelber Papagei mit blauem Koffer in den Krallen durchs Bild fliegt und ein trommelnder Mann im Bademantel rückwärts auf einem Einrad fährt.
Palimpsest ist damit weniger die eingangs angesprochene Fortsetzung denn Überschreibung: Das Vokabular von Levitation ist noch da, doch unter neuen Schichten, neuen Räumen, neuen Erinnerungen kaum mehr dasselbe. Preisig und Rusconi wiederholen ihren ersten gemeinsamen Wurf nicht, sondern lassen ihn durchscheinen – und schaffen gerade daraus eine Musik, die gleichzeitig altbekannt und vollkommen gegenwärtig klingt.
Palimpsest gibt es direkt bei den Künstlern auf Bandcamp natürlich auch als Vinyl, dessen Cut von den Emil Berliner Studios in Berlin stammt.

