Julia Hülsmann Trio with Roger Cicero | Good Morning Midnight
(ACT)
Scharnier zum Ruhm
Julia Hülsmann und kein Ende! Gerade erst wurde die Berliner Pianistin und Komponistin mit dem Jazzpreis Berlin 2026 ausgezeichnet – am 16. Juni nahm sie ihn im Kleinen Sendesaal des rbb entgegen, wo sie auch mit ihrem bewährten Quartett das Preisträgerkonzert spielte. Für mich war dieser Abend in doppelter Hinsicht ein besonderer: Ich saß nicht nur in der Jury, die Hülsmann zur Preisträgerin kürte, sondern durfte bei der Verleihung auch die Laudatio halten. Das dort zum Besten gegebene „This Is Not America“ von David Bowie und Pat Metheny, von dem die Künstlerin sagt, dass es „jetzt gerade passt – und leider schon viel zu lange passt“, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:
Und nun also gleich wieder Julia Hülsmann. Diesmal allerdings nicht mit Musik aus der Gegenwart, sondern mit einer Aufnahme, die exakt zwanzig Jahre zurückführt – und dennoch gerade jetzt (wieder) passt. ACT, die Talentschmiede des modernen Jazz, hat Good Morning Midnight, das 2006 erschienene Album des Julia Hülsmann Trios mit Roger Cicero, im Rahmen seiner Reihe past is present erstmals auf schwarzem Vinyl veröffentlicht. 180 Gramm schwer, gefertigt im Lackfolienschnitt, mit neuen Liner Notes, einem Belly Band aus 300-g-Premium-Kunstdruckpapier und individuell gestalteten Labels und Innenhüllen, die vom Original-Artwork inspiriert sind, wurde die auf 1.000 handnummerierte Exemplare limitierte Neuauflage eigens für diese Schallplatte neu gemastert – ein Wiedersehen, das zugleich eines mit einem erstaunlich anderen Roger Cicero ist.
Wer bei dessen Namen zuerst an deutschen Bigband-Swing à la „Zieh die Schuhe aus“ denkt, mit dem Cicero wenig später zum Popstar avancierte, dürfte hier zunächst die Ohren spitzen, singt er doch auf Good Morning Midnight Gedichte von Emily Dickinson. Keine ironischen deutschen Texte, kein demonstrativer Entertainer-Gestus – sondern englischsprachige Lyrik aus dem 19. Jahrhundert: konzentriert, dunkel, rätselhaft und voller Zwischentöne. Man bekommt eine Idee von der Welt der abgeschieden nachtaktiv in ihrem Elternhaus lebenden Dichterin, wenn man weiß, dass sie ihre eigenen Poeme vor den Augen anderer nicht nur zwischen Buchseiten versteckte, sondern diese Seiten obendrein noch zunähte … So jedenfalls erzählte es mir Pianist Paul Hankinson im Interview, der mit Dear Emily (Traumton, 2019) eine eigene Dickinson-Platte aufgenommen und sich zuvor intensiv mit dem biografischen Material befasst hat.
Aber zurück zu Good Morning Midnight. Als das Album vor zwanzig Jahren erschien, bildete es den Abschluss einer kleinen Trilogie, mit der Hülsmann Jazz und Literatur zusammenführte. So hatte sie sich 2003 auf Scattering Poems mit Gedichten von E. E. Cummings beschäftigt; ein Jahr später folgte Come Closer mit den Songs und Texten Randy Newmans. Für Good Morning Midnight wählte sie schließlich zehn Gedichte von Emily Dickinson zur Vertonung aus, acht davon – „Light“ und „Tell Her“ fehlen – sind auf der neuen Vinyl-Edition enthalten.

Dass ausgerechnet Dickinson bei Hülsmann landete, wirkt aus heutiger Perspektive beinahe folgerichtig. Literatur gehört bis heute zu den wichtigen Bezugspunkten der Arbeit der Pianistin; auch die Jury des Berliner Jazzpreises hob ausdrücklich hervor, dass sich ihre Kompositionen organisch mit Literatur und anderen Kunstformen verbinden. Auf Good Morning Midnight begegnen sich allerdings zunächst Welten, die denkbar weit auseinanderliegen: hier eine amerikanische Dichterin, die den größten Teil ihres Lebens zurückgezogen in Massachusetts verbrachte, dort ein modernes Berliner Jazztrio – und ein Sänger, dessen Karriere bald schon eine vollkommen andere Richtung nehmen sollte.
Gerade dieses Wissen macht das Wiederhören so interessant. Cicero starb 2016 im Alter von nur 45 Jahren. Good Morning Midnight stammt noch aus der Zeit unmittelbar vor seinem großen kommerziellen Durchbruch – und zeigt eine Seite, die später vom Bild des souveränen Entertainers (beinahe) überdeckt wurde. Seine Stimme muss sich hier nicht gegen einen großen Klangapparat behaupten, sondern darf vielmehr fragen, zögern, sich zurücknehmen – und sich ganz auf Hülsmanns fragile Vertonungen einlassen.
An deren Seite stehen dabei bereits Marc Muellbauer und Heinrich Köbberling – dieselben Musiker, die sie zwanzig Jahre später auch beim Preisträgerkonzert, ergänzt um Saxophonist Uli Kempendorff, sekundieren sollten. Ein hübscher Kreis, der sich da schließt. Ganz auf das Trio beschränkt bleibt die Platte allerdings nicht. Dezente Elektronik, Bandoneon und ein kleines Bläserensemble erweitern punktuell die Klangfarben; mit „River Man“ findet sich außerdem eine Fremdkomposition zwischen den Dickinson-Vertonungen aus Hülsmanns Feder.
Diese werden von „I Cannot See“ eröffnet, das sich leise, behutsam und beinahe unmerklich mit Hülsmann’scher Klangpoesie mitternächtlich-molltonig nähert, um einem unerhört fragilen Cicero den Grund zu bereiten, schmerzlich fast, und doch zärtlich-verspielt – und damit den Ton setzt für ein Album, das sich Dickinsons Versen mit großer Behutsamkeit nähert.
„Will There Really Be A Morning“ mit seinem wenig tangoesken Bandoneonauftakt, unter dem sich das Klavier wie ein munterer Bachlauf tummelt, leitet zum vollen Bandklang über, der hier neben Marc Muellbauer am Bass und Heinrich Köbberling am Schlagwerk durch Martin Auer und Rainer Brennecke am Flügelhorn, Jonas Schoen am Altsaxophon, Sarah Willis am Waldhorn und eben Christian Gerber am Bandoneon genährt wird, während sich bei den aufgedrehten Ad-libs von Cicero bereits der spätere Crooner andeutet.
Nach dem lebhaften Kopfnicker, fröhlichen Fußwipper, regsamen Hüftzucker „Under The Light“ führt das Nick-Drake-Cover „Riverman“, das sich dem Dickinson’schen Wort- und Hülsmann’schen Klangkosmos perfekt einfügt, ohne unangenehm „verjazzt“ worden zu sein, die Platte gen Ende der A-Seite zurück zum melancholischen Anfangston.
Seite B deutet mit der scatreichen Impro „When Plato Was A Certainty“ an, dass die Platte nunmehr bei ihrem Uptempo-Teil angekommen ist, was sich mit dem treibenden Titelsong bestätigt, der irgendwo zwischen „Good Morning Heartache“ auf Speed und Müllbauer‘schem Hummelflug zappelt und uns damit den bislang musikalisch interessantesten Moment der Platte beschert, abgelöst von der Balladenminiatur „My River“. „One Sister“ besticht mit einem nachgerade verwunschenen Klaviersolo, bevor das Album mit dem komplexen „I Don’t Know His Name“ von einem überzeugend zwischen Spoken Word und Song changierenden Cicero nach Hause gebracht wird.

Zwanzig Jahre später wirkt Good Morning Midnight damit tatsächlich wie ein Scharnier: für Hülsmann zwischen früher öffentlicher Wahrnehmung und der Karriere, die folgte, für Cicero unmittelbar vor dem Sprung ins Rampenlicht – und musikalisch zwischen literarischer Versenkung und jener größeren Geste, die bei ihm hier bereits gelegentlich in Andeutung aufscheint. Dass ACT die Platte nun erstmals auf Vinyl zugänglich macht, ist deshalb mehr als bloße Wiederverwertung eines Katalogtitels: Es ist vielmehr die Gelegenheit, zwei Künstlern noch einmal an einem Punkt zuzuhören, an dem längst noch nicht alles entschieden war – und trotzdem oder gerade deshalb bereits erstaunlich viel von dem vorhanden ist, was später daraus werden sollte.
Good Morning Midnight ist direkt bei ACT Music für aktuell 39,90 € zzgl. Versand erhältlich.

