Zu Besuch bei … be kind 2026 in Berlin. Ein Festivalbericht.
Endlich wieder be kind. Come closer!
Dass etwas gefehlt hat, merkt man selten so deutlich wie in jenem Moment, in dem es endlich wieder da ist.
Im Oktober 2022 hatte das be kind festival seine Premiere im alten Sudhaus der ehemaligen Berliner Kindl-Brauerei gefeiert – vier Tage lang, zwischen gigantischen Kupferkesseln, Sitzsacklandschaften, veganem Soulfood und einer Musik, die nicht auf Wirkung drängte, sondern Zeit ließ. Zeit zum Hören, zum Schmecken, zum Herunterkommen. „Königin für vier Tage“ hieß mein damaliger Bericht zu einem Festival, dessen Motto slow music. slow food. slow. war – denn genauso hatte es sich angefühlt: als würde einem im privaten Schlafgemach eine sorgsam ausgewählte Hofkapelle zur inneren Einkehr aufspielen, während man nebenbei aufs Hervorragendste verköstigt wurde.
Ein Jahr später kehrten wir zurück. Der Festivalherbst war wie immer überfüllt, die Entscheidung zwischen konkurrierenden Konzerten nicht leicht, doch be kind setzte sich durch – weil ich bereits wusste, was dort wartete: kein hektisches Bühnenhopping, kein musikalisches Pflichtprogramm, sondern ein „Soundtrack zum Sosein“, getragen von dieser besonderen be kind-Mixtur aus ästhetischer Konsequenz, kluger Programmierung, kulinarischer Fürsorge und einer Atmosphäre, in der Publikum und Musizierende einander nicht frontal gegenüberstehen, sondern für ein paar Stunden zu einer aufmerksamen, genießerischen Gemeinschaft werden.
Dann verstummte be kind.
(K-)Einsinken in Kissen, Klänge, Köstlichkeiten
Im August 2024 teilte das Leitungsdreigestirn Winnie Brückner, Laura Winkler und Anna Bolz mit, dass das Festival mangels Förderung in diesem Jahr nicht stattfinden könne. Die nächste Ausgabe sei für 2025 geplant; bis dahin wolle man das Konzept vertiefen, neue Inhalte konkretisieren und nach Finanzierungsalternativen suchen.
Doch auch 2025 blieb es still. Kein be kind, kein gemeinsames Einsinken in Kissen, Klänge und Köstlichkeiten; keiner jener wundersamen Abende, nach denen die Stadt draußen noch immer dieselbe ist, man selbst ihr aber spürbar sanfter entgegentritt.
Umso bemerkenswerter ist es, dass das unter dem Untertitel Festival for Contemporary Music firmierende Event nun zurückgekehrt ist – und das ausgerechnet in einem Jahr, in dem die Berliner Kulturlandschaft allerorten mit drastisch gekürzten Mitteln, abgesagten Vorhaben und bedrohten Formaten ringt. Für mich ist allein das bereits ein Qualitätsbeweis: Offenbar hat dieses kleine, feine Festival in seinen ersten beiden Jahren nicht nur bei seinem Publikum, sondern auch dort Eindruck hinterlassen, wo über Fortbestand oder Verschwinden kultureller Räume entschieden wird, hier im Speziellen der Projektförderung Jazz des Berliner Senats.
Dabei versucht be kind gar nicht erst, sein Comeback größer, lauter oder spektakulärer hinzulegen. Im Gegenteil. „Come closer – unplugged“ heißt die dritte Ausgabe (oder, wie Brückner in ihrer Begrüßungsrede formuliert: „Edition drei im fünften Jahr“), die am 5. und 6. Juni 2026 nicht mehr im weitläufigen Sudhaus, sondern in der Kiezkapelle Neukölln auf dem Neuen Friedhof St. Jacobi stattfindet: reduzierter, konzentrierter, näher.
Die Konzerte werden unverstärkt gespielt, die Musizierenden bespielen den Raum aus unterschiedlichen Positionen heraus, die Trennung zwischen Bühne und Publikum wird noch weiter aufgelöst. Was in den ersten beiden Ausgaben bereits zum Wesen von be kind gehörte – das unmittelbare, gemeinsame Erleben von Klang –, wird damit nicht neu erfunden, sondern konsequent auf seinen innersten Kern zurückgeführt.

Vom Brauhaus zum Kirchhof
Doch ist dies fast schon nebensächlich, denn wichtig ist erst einmal: be kind ist wieder da. Nach zwei Jahren Pause fühlt sich allein schon dieser Satz ein wenig nach Heimkommen an. Dabei klingt der Sprung vom Brauhaus zum Kirchhof sicherlich erst einmal gewöhnungsbedürftig – stellt sich aber als weitaus weniger massiver Atmosphärenwechsel dar, als man meinen könnte. Schließlich handelt es sich bei der längst entweihten Kiezkapelle um die Kulturinstitution „Begegnungszentrum Info-Kapelle“, deren Fertigstellung 2019 im Rahmen der Zukunftsinitiative Stadtteil durch Mittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung sowie des Programms Soziale Stadt realisiert wurde. So zumindest will es das Hinweisschild, das außen am Gemäuer angebracht ist. Apropos Begegnungszentrum – begegnen tut man sich hier auf jeden Fall. Es ist klein, schrappelig und sehr liebenswürdig. Brückner: „Das ist alles so ein bisschen Punk, alles so ein bisschen selbergemacht – aber auch sehr intim und charmant.“
Ein bisschen gruselig sind einzig die optischen Überbleibsel der ehemaligen Funktion als 1879 in Betrieb genommene Trauerkapelle und Leichenhalle. Hier der steinerne, erhöhte Katafalk bzw. das Podest, auf dem ehemals der Sarg zentral während der Trauerfeier ruhte und der jetzt als Bühne dient. Da die darauf festmontierten Schienen, die, stünde nicht der ehemalige Altar im Wege, auf den Weitertransport ins Krematorium hindeuten könnten. Und was ehemals in dem Gewölbekeller gelagert wurde, der heute als Unisex-Toiletten fungiert, möchte man lieber gar nicht wissen. Hat man aber erst einmal die natürliche Scheu vor dem Tod und allem, was damit zusammenhängt, überwunden, ist es ein guter Ort.

Ob aus Kosten- oder Pietätsgründen – auf das bislang ins Festivalticket eingepreiste Soulfood wird dieses Jahr verzichtet. Damit es den Gästen dennoch nicht an leiblichen Genüssen mangelt, ist be kind erstmals eine Partnerschaft mit einem Weingut, genauer: dem südsteirischen Weingut Krispel, das sich selbst passend als „Genussgut“ bezeichnet, eingegangen. Verkostet werden Gelber Muskateller, Weißburgunder, ein alkoholfreier Sparkling Rosé sowie ein Blauer Zweigelt, der mit seinen optischen wie geschmacklichen Kakao- und Zwetschgennoten neben sortentypischer Kirsche zwar überhaupt nicht in die Jahreszeit passt, dafür aber ganz fantastisch mundet. Es soll nicht bei einem Glas bleiben.
Trocken ist nicht nur der Wein, sondern auch seine Anmoderation durch die Festivalmacherinnen. „Diesmal gibt es nichts zu futtern – dafür müsst ihr mehr trinken!“, witzelt Winkler über das Konzept, während Brückner sekundiert: „Von den Kalorien her kommt das aufs Selbe raus!“ Spoiler: Musizierende und sonstige Mitwirkende werden backstage von Winnie Brückner mit Selbstgekochtem verköstigt, an Tag eins mit veganem Kichererbsencurry mit sehr viel frischem Koriander und Bauernbrot, an Tag zwei mit deftiger Kartoffelsuppe samt Räuchertofu. Manchmal ist es ein kleines Privileg, als Berichterstattende zu arbeiten, anstatt das Festival „nur“ aus Publikumssicht zu genießen.

Wenn der Raum mitspielt
„Traditionsgerecht“, sagt Brückner in ihrer Ankündigung des ersten Acts, „startet das Festival mit alter Musik“. Die kommt diesjahr vom Duo Kursawe/Rovatkay, dessen von Julia Kursawe gespieltes Barockcello und Cello piccolo sowie das von Adrian Rovatkay geblasene Dulzian, ein Vorläufer des Fagotts, und onomatopoetisch „Basspommer“ genanntes Quartbass-Dulzian, also quasi ein Kontrafagott, die historische Kompositionsform Ricercar zwischen Renaissance und Gegenwart miteinander ins Gespräch bringen.
Während sie statisch auf dem bereits angesprochenen Podest sitzt, das Instrument zwischen die Knie geklemmt, spielt er positionswechselnd mit dem Raumklang der Kapelle, der hier zum dritten Bandmitglied avanciert – mal beschwingt, mal gravitätisch und voll von zerbrechlicher Schönheit, dann wieder knarzend und knatternd vor Witz. Ein gelungener Auftakt, der nicht nur instrumentenkundlich interessant ist, sondern dessen performanceartig eingeworfene verbale Intermezzi auch zeigen, dass und weshalb Alte Musik auf einem Festival für zeitgenössische Musik ganz organisch ihren Platz beanspruchen kann.

Das Ensemble O wiederum, ein weibliches a cappella-Quartett, oder, wie es sich selbst beschreibt, ein „experimentelles Vokalensemble“, startet vor der Kapellentür in den Mittelteil des ersten Abends. Dora Osterloh, Friederike Merz, Laura Winkler und die für Stamm-Mitglied Fama M’Boup eingesprungene Anna-Lucia Rupp widmen sich ganz den Kompositionen Dora Osterlohs – müssen aber erst einmal gegen die konkurrierende Rockkapelle ansingen, die auf dem Event-Teil des Friedhofs spielt. Davon merkt man nach dem Einzug in die Kapelle nur noch wenig.
Was man allerdings sehr wohl bemerkt: Durch ihre quadrophonische Positionierung in jeder Ecke des Raums wird dieser auch hier zum – gar nicht mal so – heimlichen Ensemblemitglied. Das soll er auch bleiben – selbst nachdem das Ensemble schon längst wieder seine Plätze gewechselt hat, sich mal vor dem Altar in Stellung bringt, mal von der Empore hinabbarbershopt. Zwischenfazit: Wir haben es hier mit einem Raum zu tun, der nicht nur zum Bespielen einlädt, sondern vor allem auch zum Spiel mit ihm.
Was weiterhin auffällt: Das Motto „Come closer“ ist nicht einfach nur eine hübsche Sprachhülse, sitzt Sängerin Friede Merz doch schon mal zum Greifen nahe – und das ist wortwörtlich zu verstehen.
Ensemble O „This Is Home“
Den Schlussakkord des Abends setzt eine Premiere, die man als eine Art Auftragsarbeit bezeichnen könnte, wurden doch die Beteiligten, Schlagzeuger Tilo Weber und Post-Butoh-Tänzerin Min Yoon, einander vom Festival zur Kooperation vorgeschlagen – einfach, weil man beide gern zusammen sehen würde. Wunsch und Befehl und so.
Butoh, der japanische Tanz der Dunkelheit, der nicht fragt, wie sich der Mensch bewegt, sondern was den Menschen bewegt, stößt dabei in seiner von Yoon modernisierten Form auf den vom Festival als „leisen Schlagzeuger“ vorgestellten Weber, die gemeinsam mal intime, mal surreale, immer aber nahezu psychosomatisch berührende Momente schaffen – etwa jenen zum Ende des Sets, wo Weber mit zwei Schlagzeugbesen zur Minimalgeräuscherzeugung durch die Luft fährt und es wirkt, als dirigiere er Yoon wie ein Puppenspieler seine Marionetten, nur, um die Situation gleich darauf wieder aufzulösen und in einen harmonischen Pas de deux zu fallen.
Für mich ist es das erste Mal, dass ich mit Butoh bzw. Post-Butoh in Berührung komme. Vermutlich habe ich nicht die Hälfte verstanden – bin aber nichtsdestotrotz bewegt. Experiment geglückt, erster Festivalabend sowieso.

„After all, we’re in a city!“
Am nächsten Festivaltag hält Min Yoon einen Workshop zur Einführung in diese fremde, faszinierende Kunstform ab. Ich werde ihn leider verpassen und kann erst wieder zu den Abendkonzerten anreisen. Hier fallen schon beim Ankommen Veränderungen auf. Zum einen hat das Genussgut dazugelernt und bietet hochwillkommene Gratissalzstangen an, liebevoll in Gläsern arrangiert, um den Umsatz anzukurbeln. Ich kann nicht für das gesamte Publikum sprechen, doch bei mir funktioniert’s.

Apropos Publikum: Das besteht heute nicht nur aus jungen Progressiven, sondern aus in Ehre Ergrauten, was vermutlich an dem 1952 geborenen Gitarrenvirtuosen Uwe Kropinski liegt, der im Laufe des Abends spielen wird. Erst einmal aber gehört die Bühne Storm Dog, einem von Sängerin und Texterin Zuza Jasinska und Gitarrist und Komponist Robin Danaher geformten Jazz-Folk-Duo. Um Jasinska zu hören, sind auffallend viele Sängerinnen gekommen – und auch Festivalhund Paule, der schon bei Ausgabe eins und zwei des Festivals nicht fehlen durfte, gesellt sich in die Runde.
Ich persönlich fühle mich vom zweistimmigen Dark Folk des Duos manches Mal an Lasse Matthiessen erinnert, derweil Danaher den Grund benennt: Viele seiner Songs begännen in Moll und endeten in Dur. Jasinska legt ihren Fokus nach außen und teilt ihre Beobachtung, dass immer genau dann eine Autohupe ertöne, wenn der letzte Ton eines Songs verklungen sei. „After all“, konkludiert sie, „we’re in a city!“ Und tatsächlich lässt sich das selbst in diesem intimen Setting nicht vergessen, jagt doch in regelmäßigen Abständen ein Sirenenfahrzeug nach dem anderen die geschäftige Hermannstraße im berühmt-berüchtigten Neukölln hinab.
Stormdog „April“
All The Things You Are – minus eins
Dann wird es auch schon Zeit für den Auftritt von Uwe Kropinski, der damals eine Ausnahmeerscheinung in der einerseits höchst lebendigen, zugleich aber auch stark reglementierten DDR-Jazzszene war – und später eine der prägendsten Figuren der improvisierten Jazzgitarre Gesamtdeutschlands. Nicht grundlos hat ihn die Stuttgarter Zeitung als „Jahrhundertgitarrist“ tituliert, während zitty Berlin vom „Keith Jarrett auf sechs Saiten schrieb“, die durchaus aber auch mal auf zwölf oder sogar sechsunddreißig anwachsen können. Bis heute gilt er als Musiker zwischen den Kategorien Jazz, Neue Musik und freie Improvisation – und damit genau richtig für be kind.
Der Meister selbst, der in unprätentiösem Schwarz die Bühne betritt, sagt schlicht: „Ja … herzlich willkommen in meiner Musik“ und legt auch schon gleich mit den ersten Tönen eines melancholisch pulsierenden Flamenco los, den er zunächst mit Gitarre und Stimme entwickelt, später sein Instrument aber zum Schlag- und Klangkörper erweitert und auch die klopfenden Füße mit einbezieht.
Wenn er wiederum singt „Meine Reise dauert an/und mein Weg ist weit“ erinnert sein ansonsten von den Klängen ferner Länder dominiertes Set an eine retrospektivische Winterreise und er selbst an jemanden, der sich nicht (mehr) beweisen muss und sich ohne Fluff auf das Wesentliche konzentriert, um nicht zu sagen: reduziert.
Uwe Kropinski „All The Things You Are“
Eine Überraschung ist dann sicherlich seine Interpretation von „All The Things You Are“, dem zum All-American Songbook-Hit gewordenen Klassiker aus dem Broadway-Musical Very Warm for May von 1939. „Dieses Stück“, so Kropinski, „haben schon so viele gespielt, dass ich ihm nichts hinzufügen kann. Deshalb habe ich ihm etwas weggenommen.“ Ich glaube mich zu erinnern, dass es ein Achtel pro Takt war – in jedem Falle etwas, das das Stück nun in eine bislang ungehörte, brasilianisch-odd-meterige Schräglage bringt.
Hörenswert sind auch die Geschichten zu seinen Stücken, „Spanish Reception“ etwa, das mit zwei – angeblich beim Warten auf nie erscheinende Rezeptionisten in spanischen Hotels als „schönes Souvenir“ entwendeten – Tischglocken aufwartet, deren Stimmungen ein humorvoll ins Stück eingebautes Intervall ergeben. Hübsch auch das chromatische „Märchen von den beiden F“ oder die „18 Takte an Bach“, bei denen wiederum die vorbeieilenden Polizeisirenen spontan ins Stück eingebaut werden. Dieser Spielernatur zuzusehen ist ein großer Spaß, was auch das übrige Publikum so sieht, ist Kropinski doch der erste, der den strengen Festivalzeitplan sprengen und die lautstark erklatschte Zugabe spielen darf, welche die Zuhörer nach Madagaskar ins Jahr 1993 entführt.
Wo Fremdeln endet und Glück beginnt
Das von den drei koreanisch(stämmig)en Musikerinnen So Sol-I an Vocals und Kkwaenggwari, Kim So-Sung an Janggo, Jing und Backing-Vocals sowie Shin Hyo Jin an Kkwaenggwari, Buk, Jing, Bara, Moktak und Backing-Vocals und dem frisch gekürten Träger des Deutschen Jazzpreises 2026 in der Kategorie „Holzblasinstrumente“ Peter Ehwald am Saxophon besetzte Ensemble ~su eröffnet zum Abschluss eine ganz andere Klangwelt. Gleich vom ersten unfassbar lauten Ton des von Laura Winkler als „fürchterlich charmant“ angekündigten Quartetts schreit hier alles Avantgarde. Würde ich die im Herbst kommende Platte five poems nicht so gut kennen, weil ich gerade an ihrem Albumbegleittext arbeite – es würde mich schrecken. Und faszinieren zugleich.

Das Publikum teilt diesen kurzen Schreckmoment, der bei näherer Betrachtung dafür sorgt, dass die volle Aufmerksamkeit auf der Musik liegt – und nicht auf der Füllmenge von Weinglas und Salzstangenbehälter. In jedem Falle gelingt es Ensemble ~su, dass Hörgewohnheiten und -erwartungen kollektiv über Bord geworfen werden und man sich ganz dieser im Grunde ihres Wesens unheimlich poetischen Musik hingibt, die sich hinter den ungewohnten Klängen verbirgt.
Zwei Dinge gehen mir durch den Kopf, während das Kollektiv musiziert: Zum einen verstehe ich, weshalb das häufigste Feedback, das es nach Konzerten erhält, in dem Wort „beseelt“ gipfelt. Es ist einfach eine ganz besondere Magie, die diese Klänge verströmen – und wenn ich in die Gesichter des be kind-Publikums blicke, ist sie auch hier am Wirken. Zum anderen kann ich jetzt besser nachvollziehen, was Ehwald meint, wenn er sagt, dass das, was er (künstlerisch) für richtig hält, nicht überall auf der Welt richtig sein muss.
Nachdem Ensemble ~su zwei Stücke von der kommenden Platte zum Besten gegeben hat sowie eines, das auf traditionellen Rhythmen basiert, stellt es dem Publikum ein neues Stück vor, das mit seinem organisch atmenden Saxophon besticht – oder, mehr noch, generell durch das Organische, fließt hier doch alles wie selbstverständlich zu einer sich von keinerlei Genregrenzen einschränken lassenden Kunstform zusammen, die sich aus Gug-Ak – klassischer koreanischer Musik, Mu-Ak – der spirituellen Musik koreanischer Schamanen, Samulnori – einer Perkussionsmusik, die die traditionelle koreanische Volksmusik Pungmul mit modernen Elementen verbindet, Jazz, Neuer Musik und zeitgenössischer improvisierter Musik speist, und zwar nicht zwangsfusioniert, sondern so, als könnte es gar nicht anders sein. „Mich interessieren“, so Ehwald dazu, „die Zustände zwischen den Genres“.
Ensemble ~su „Nano Kingdoms”
Mit Stück Nummer fünf, das Ehwald vor Jahren über eine Einladung zum zehnjährigen Klassentreffen schrieb, die er bedauerlicherweise angenommen hat, hat Ensemble ~su das erheiterte Publikum fest in der Hand. Aber was heißt schon „erheitert“! Das Publikum liegt vor Lachen halb auf dem Boden. Spätestens jetzt ist alles eventuell noch vorhandene Rest-Fremdeln vergessen und jede und jeder versteht, fühlt mit und nach.
Es gibt derart heftigen, mit Bravo-Rufen durchsetzten Applaus, dass sogar Festivalhund Paule im Wortsinne nach einer Zugabe schreit, während Besitzerin Winnie Brückner erklärt: „He’s just happy“. „German happiness“, kommentiert der auf der ersten Ausgabe des be kind-Festivals aufgetretene Elektro-Künstler Korhan Erel trocken.

Wie auch immer Glück sich äußert – als Schrei nach mehr, als breites Grinsen oder bellender Beitrag – an diesem Abend ist es jedenfalls unüberhörbar im Raum. Und selten klang „happy“ so vielstimmig. Vielleicht ist genau das die schönste Bestätigung für ein Festival, das Nähe nicht behauptet, sondern herstellt: Man geht anders hinaus, als man hineingekommen ist – weicher, wacher und vor allem ein ziemliches bisschen glücklicher.
Text, Fotos & Videos: Victoriah Szirmai
Titelcollage: David J. Hotz

