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Musik-Tipp

Musik-Tipp: SHAKE STEW – Ten One Two

Victoriah SzirmaiBy Victoriah Szirmai27. März 2026

Eine Dekade zwischen Trance und Tumult

SHAKE STEW | Ten One Two

(Traumton/Indigo)

Wer Shake Stew kennt, weiß: Diese Band war nie für Halbheiten zuständig. Zwei Schlagzeuge, zwei Bässe, drei Bläser – das klingt bereits auf dem Papier nach purer Überwältigung. Auf Platte ist es genau das. Und live? Noch einmal mehr.

Zehn Jahre gibt es dieses Wiener Ausnahme-Ensemble um Kontrabassist, Komponist und Bandleader Lukas Kranzelbinder nun schon. Andere wären in dieser Zeit routiniert geworden, vielleicht sogar bequem. Shake Stew dagegen klingen auf ihrem Jubiläumsdoppelalbum Ten One Two wie eine Band, die gerade erst begonnen hat, ihre Möglichkeiten auszuloten.

Ten One ist dabei die zugänglichere Seite dieses Doppelalbums, beherrscht von hypnotischen Patterns, organisch atmenden Grooves und jener tranceartigen Sogwirkung, die Shake Stew seit ihrem 2016er-Debüt The Golden Fang, besonders aber dem 2018er-Nachfolger Rise And Rise Again inklusive Kult-Single „How We See Things“ mit Shabaka Hutchings am dritten Tenorsaxophon, auszeichnet.

Besonders die weichen Bläserphrasen von „Wood“ erinnern hier ganz konkret an Letztgenanntes – nicht als Selbstzitat, sondern als Weiterentwicklung einer ureigenen Klangsprache, die geradezu organisch aus Kranzelbinders Kompositionen zu strömen scheint, ja: in ihnen bereits angelegt ist. Kein Wunder, dass genau diese Plattenhälfte mit ihrem klassischen Shake Stew-Sound an frühere Momente der Bandgeschichte gemahnt, greift Ten One doch viel öfter auf Durchkomponiertes zurück als das eklektischer wirkende Ten Two. Kranzelbinder dazu: „Die eine Herangehensweise ist: Ich schreibe ein Thema oder eine Basslinie, und wir erarbeiten das gemeinsam. Die andere: keine Vorgaben. Wir spielen einfach drauflos – und die Stücke entstehen aus dem Moment.“

Lukas Kranzelbinder (Guembri), Yvonne Moriel (Altsaxophon), Mario Rom (Trompete). Nicht im Bild, aber genauso wichtig: Johannes Schleiermacher (Tenorsaxophon, Flöte), Oliver Potratz (Bass), Herbert Pirker und Nikolaus Dolp (Schlagwerk).
Lukas Kranzelbinder (Guembri), Yvonne Moriel (Altsaxophon), Mario Rom (Trompete). Nicht im Bild, aber genauso wichtig: Johannes Schleiermacher (Tenorsaxophon, Flöte), Oliver Potratz (Bass), Herbert Pirker und Nikolaus Dolp (Schlagwerk).

Nicht immer ganz einfach sei es gewesen, wenn während der Aufnahmen beide Prinzipien im eng getakteten Wechsel aufeinandertrafen: „Im Studio muss man on the spot Musik erzeugen. Zwischen konkreter Struktur und inspiriertem Improvisieren zu wechseln – das war diesmal die eigentliche Herausforderung.“

Während Ten One also größtenteils auf Kranzelbinderschen Kompositionen fußt, steht Ten Two vermehrt im Zeichen von Prinzip zwei. Und so erscheint es auch durchweg fragmentierter, nervöser, ja: in jedem Bedeutungssinne wilder als die erste Doppelalbumhälfte. Vieles entsteht hier aus dem kollektiven Moment heraus, wo Afrobeat-Anklänge schonmal auf Krautrock, Elektro-(Ab-)Gründe auf effektierte Trompete, Asia-Sounds auf Modularsynth-Timbre treffen. „Tiger“ etwa lebt mit seiner wässrig tropfenden liquid Sunshine-, mehr noch: Soundshine-Anmutung von einem seltsam unklaren, elektronisch verstärkten Schwebezustand, der sich jeder Komfortzone verweigert.

Mario Rom an der Trompete
Mario Rom an der Trompete

Mitten in all diesem Tumult versteckt sich dann aber „King of Thieves“ – der vielleicht stärkste Track des gesamten Albums, nicht nur dieser einen Hälfte. Bordun-Klänge von Alt- und Tenorsaxophon in gleicher Lage, ein fragiler Bass, der durch Doppelgriffe fast orchestral wirkt und eine allesdurchdringende ambienthafte Zartheit zeigen, dass und wie sehr diese Band über zehn Jahre hinweg an einem gemeinsamen Atem gearbeitet hat, wo Pausen genauso laut sprechen wie Töne. Dem kann auch das seltsame Konglomerat an Rhythmen und Klängen des Closers „Sergio St. Carlos“ – übrigens dem einzigen Track, auf dem der Bandleader nicht zu hören ist, den er aber als „herrlich verstrahlten Track, der dem Ganzen am Ende noch so einen leichten Schiefblick verleiht“, feiert – nichts mehr anhaben.

Tief versunken: Lukas Kranzelbinder, hier am E-Bass
Tief versunken: Lukas Kranzelbinder, hier am E-Bass

Dass Shake Stew ihr ganzes Potenzial erst auf der Bühne vollends entfalten können, zeigt auch ein Mitschnitt aus dem Berliner Club Gretchen während der Record Release-Party vom 13. Februar 2026. Der Song „Bakunawa“ – Referenz an den gleichnamigen Wasserdrachen aus der philippinischen Mythologie, der zwar in der Lage ist, sieben Monde zu verschlingen, aber vor lärmenden Menschen flieht – bündelt all das, was Shake Stews Magie ausmacht: trancehafte Bläserlinien, vertrackte Rhythmusverschiebungen, unmittelbares Hin(ein)gezogensein. Ab etwa Minute 1:35 zeigt sich das sehr schön: Hört man genau hin, beginnt die Musik hier leicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, wenn sich die Bläserlinien übereinanderlegen und ineinander verschlingen, während die beiden Schlagzeuge ihre Patterns langsam gegeneinander setzen.

„Bei diesem Stück“, so Kranzelbinder, „muss ich mich während des Spielens immer sehr konzentrieren, damit ich nicht einfach abdrifte – weil mich das selbst so stark in den Bann zieht.“ Resümierend fügt er hinzu: „Dass wir diese Stimmung so schnell erreichen können, ist ein Produkt aus zehn Jahren Spielen und zehn Jahren Kommunikation“. Eine Stimmung, die fordern, auch mal überfordern kann, aber nie kalt lässt. „Mir geht es“, so Kranzelbinder weiter, „immer um Überwältigung. Um emotionale Überwältigung. Sich von der Musik überschwemmen zu lassen.“ In seiner Brust, verrät er, wohnten zwei Seelen, die meditative und die explosive. Und genau das ist der Zwiespalt, aus dem diese Musik entsteht.

Shake Stew – „Bakunawa“, Live im Gretchen, 13.02.2026

Von außen betrachtet ist Ten One Two ein Jubiläum. Von innen wirkt es wie ein Aufbruch. Shake Stew klingen nicht abgeschlossen, sondern gefährlich lebendig – als hätten sie ihr Rezept nicht perfektioniert, sondern gerade erst begriffen, dass sie es jederzeit neu erfinden dürfen. Und genau deshalb ist diese Doppelveröffentlichung – ob als CD, Download oder (Colored) Vinyl – kein nostalgisches Feiern, sondern ein Statement: Zehn Jahre sind kein Endpunkt. Sondern ein Anfang.

Oder, wie Lukas Kranzelbinder sagt: „Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass wir irgendwo angekommen sind. Es gibt noch so viel, was wir mit dieser Band machen können.“ Einen Eindruck davon gibt es schon im Herbst, wenn Ten Three auf das Jubiläumspublikum losgelassen werden soll.

Danke für zehn Jahre emotionale Überwältigung
Danke für zehn Jahre emotionale Überwältigung

Fotos: David J. Hotz
Video: Victoriah Szirmai

Victoriah Szirmai
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Victoriah Szirmai hört Musik und schreibt darüber. Sie studierte Musikwissenschaften mit Schwerpunkt Musiksoziologie und Rock/Pop/Jazz-Forschung sowie Philosophie und Hungarologie an der Humboldt Universität zu Berlin; außerdem Fachjournalismus mit Schwerpunkt Musikjournalismus am Deutschen Journalistenkolleg. Hier gewann sie mit ihrem Essay-Manifest „Zeit zum Hören – Plädoyer für einen langsamen Musikjournalismus" den ersten Preis des Schreibewettbewerbs „Journalistische Trendthemen". Szirmai schrieb sieben Jahre lang für das HiFi-Online-Magazin fairaudio, außerdem für die Jazzzeitschrift Jazz thing und das (ehemalige) Berliner Stadtmagazin zitty. Aktuell arbeitet sie für den Berliner tip und für Jazzthetik, das Magazin für Jazz und Anderes, wo in ihrer mit der Nachtseite der Musik flirtenden Kolumne „Szirmais Fermaten" ganz viel Anderes und vor allem Leonardcoheneskes stattfindet. Ein weiterer Interessenschwerpunkt ist ästhetische Objektivität.

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