Musik-Tipp: WOMAN – Iris Gold

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Love Child Soul

Iris Gold | Woman

(Bay Street Records)

Der heutige Text beginnt mit einer Abbitte. Hatte ich bei der letzten Veröffentlichung von Joss Stone, die in Zusammenarbeit mit Dave Steward entstanden ist, noch geschrieben: „Ach, Dave. Ach, nee.“, muss ich einräumen, dass für seine jüngste Kollabo das genaue Gegenteil gilt: „Wow, Dave, hell yeah!“

Der Eurythmics-Gründer nämlich hat für sein Label Bay Street Records die neue Platte der „Hippie Hopperin“ Iris Gold nicht nur mitgeschrieben und produziert, sondern zeichnet von den Background Vocals über Drums, Percussions, Claps, Keyboards, Akustische und Elektrische Gitarren bis hin zum Bass auch für eine ganze Reihe von Instrumenten verantwortlich, womit ihm die Wahnsinnsplatte einer Künstlerin gelungen ist, über die er so treffend sagt: „She’s on fire in every possible way.“ Und das gilt auch für ihn selbst. Also: Sorry, Mr. Stewart.

Die in London als Mercedes Seecoomar geborene und in Dänemark aufgewachsene Iris Gold erinnert auf Woman an eine Mischung aus Sixties Soul Star, tamburinrasselndem Hippie und coolem London Girl, auf welches sie im Song „Come True“ mit den Zeilen Down Piccadilly/Thinking I was cool zärtlich zurückblickt. Gleich der Opener „Pick Up Your Drum“ zeigt, wohin die Marschrichtung des Albums geht: Mit ihrem überbordenden Hippie-Charme erinnert Gold hier mal an einen weiblichen Lenny Kravitz à la Cree Summer, mal an Alternative Soul-Ladies wie Ambersunshower, paart sich das Ganze nach einem Blaxploitation-Intro, das sich zur Hillbilly-Sound of Wall auswächst, doch mit kühlen Brit Soul Vocals. Müsste man ein Genre für diese Musik erfinden, ich würde sie „Cool Love Child Soul“ nennen. Und das schon nach dem ersten Song!

Der zweite, „Piece of Mine“, beamt uns zurück auf die Tanzflächen der Achtzigerjahre: Alles so schön stylish hier! Aber glücklicherweise auch dreckig genug, um nicht in der eiskalten Ästhetik des Jahrzehnts gefangenzubleiben, gibt es hier doch jede Menge drugs & sex & funk sowie den einen oder anderen bei James Brown entlehnten „Good God!“-Aufschrei. Sixties Soul meets Eighties Cool meets Electro Clash, garniert von Explicit Lyrics satt. Selbst Schuld, wer das nicht mag!

„Lover Of My Own“ ist eine bittersüße Absage an einen mehr als verlockenden Flirt, von dem man sich mit den Worten verabschiedet, dass man zwar gern die ganze Nacht mit ihm spielen könnte, jetzt aber nach Hause ginge, weil dort der eigene (und eigentliche) Liebhaber warte. Ob seiner Akustikgitarren erinnert das Stück an die Neneh Cherry-Geschwister Eagle Eye Cherry und Titiyo, aber auch an die verträumte Brit-Soulerin Gabrielle, während sich „Away We Go“ als wildes Funkfreestylebaby mit ausuferndem E-Gitarren-Solo und nicht minder exorbitantem Bläseralleingang gebärdet.

Auf den Electroclashfunkrapbastard „Make Me Feel Something“ mit seinen Old School-Zählzeiten folgt „Talk All Night“, das zart daran erinnert, dass so manch potenzielles Problem, das ohnehin nie real wird, oft mit einer einfachen Umarmung zu lösen ist, wobei es sich mittels aufblühenden Bläsersätzen zur psychedelischen Beatleswiedergängerhymne entspinnt, derweil das Prince-inspirierte „Crushed Velvet“ mit seinem „Funkytown“-Sample (oder zumindest etwas, das ihm sehr, sehr ähnlich klingt), das ja wiederum auf „The Changeling“ von The Doors basiert, die wohl radiokompatibelsten – das Wort „kommerziell“ will ich aufgrund des Space-Charakters und anzüglichen Flüstereien wie I’m under his spell/fucking hell nicht wirklich in den Mund nehmen – Strophen der Platte aufweist. „Heatwave“ ist genau my kind of groove – dafür nehme ich sogar die angezerrte WahWah in Kauf.

„Thank God I’m Alive“ pirscht sich an wie der todeshauchumwehte Showdown im Western; außerdem lässt sich auf die Harmoniestruktur ganz prima „Hotel California“ singen – bis sich bei Minute 1:07 sich alles ändert und die Suspense einer gitarrenschrammeligen Licht&Liebe-Hippienummer weichen muss, die sich wiederum zur mannstarken Gospelnummer auswächst. Drei Genres in einem Lied? Kein Problem für Iris Gold! Und die müssen nicht mal zwingend aufeinander folgen, sondern überlagern sich gern auch mal.

Am stärksten finde ich die Gold immer, wenn sie das Lovechild, kurz: den eingangs bereits bemühten Tamburin-Hippie without a care in the world gibt, denn Mama war schließlich auch einer, weiß sie in „Mama was a Hippie“ zu berichten – und Apfel und Stamm und so. Ich kann mich nur wiederholen: Wäre Lenny Kravitz mit all seinen Referenzen und Echos an und von Jimmy Hendrix, Sly Stone & Co. eine Frau – er klänge wie Iris Gold. Nur nicht ganz so cool, denn was bei Kravitz Pose ist, ist bei Gold HipHop-Attitüde, mit der man sich bekanntlich besser nicht anlegt.

Die wirklich wichtigen Themen, hier: der Titeltrack „Woman“, in dem es um weibliche Selbstermächtigung geht, lassen sich nämlich auch leise und in Moll unters Publikum bringen. Mehr noch: Wer flüstert, zu dem beugt man sich hin, um ihn zu hören. Von dem, der schreit, nimmt man Abstand. Aller Zartheit zum Trotz aber hat Iris Gold diesen gewissen Twang in der Stimme, und auch ihr Ansatz ist immer itchy, nee: edgy. Und dann führt sie das soeben Gesagte mit dem Closer „Come True“ gleich wieder ad absurdum, denn der ist: nur zart. Ohne jeden Edge. Dafür oh-so-schön.

Woman dürfte die vielschichtigste, gegenteilvereinendste, vomfleckwegbegeisterndste – und ja, auch sexyste – Platte sein, die im Moment im Klangorbit zirkuliert. Dessen ist sich Gold durchaus bewusst. „I want people or fans of music and songwriting to know that this is not a throwaway bubble gum album”, sagt sie. „It’s not one dimensional like a lot of music these days. It runs deep on many themes particularly about women’s liberation, people’s freedom, and as a woman taking control of your sexuality.“

About Author

Victoriah Szirmai hört Musik und schreibt darüber. Sie studierte Musikwissenschaften mit Schwerpunkt Musiksoziologie und Rock/Pop/Jazz-Forschung sowie Philosophie und Hungarologie an der Humboldt Universität zu Berlin; außerdem Fachjournalismus mit Schwerpunkt Musikjournalismus am Deutschen Journalistenkolleg. Hier gewann sie mit ihrem Essay-Manifest „Zeit zum Hören – Plädoyer für einen langsamen Musikjournalismus" den ersten Preis des Schreibewettbewerbs „Journalistische Trendthemen". Szirmai schrieb sieben Jahre lang für das HiFi-Online-Magazin fairaudio, außerdem für die Jazzzeitschrift Jazz thing und das (ehemalige) Berliner Stadtmagazin zitty. Aktuell arbeitet sie für den Berliner tip und für Jazzthetik, das Magazin für Jazz und Anderes, wo in ihrer mit der Nachtseite der Musik flirtenden Kolumne „Szirmais Fermaten" ganz viel Anderes und vor allem Leonardcoheneskes stattfindet. Ein weiterer Interessenschwerpunkt ist ästhetische Objektivität.

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