Arne Jansen & Stephan Braun | Short Stories
(Herzog Records)
Immersivität als Nähe: Wo aus Moll Hoffnung wird

Wir sind eingeladen. Das ist – be careful what you wish for – längst nicht mehr automatisch etwas Besonderes. Besonders wird ein Abend erst dann wieder, wenn man sich wirklich auf die Musik freut und überdies einen Ort entdeckt, an dem man vorher noch nie war.
Dieser Ort liegt heute in Form der msm-studios in Berlin-Kreuzberg. Ein Haus – oder vielmehr ein Zuhause, wenn man dem Slogan Home of Immersive folgen will – in dem Musik nicht einfach nur gemischt und gemastert, sondern räumlich neu gedacht wird. In der Dolby-Atmos-Suite sitzt man mitten im Klanggeschehen, umgeben von einem 9.1.4-Lautsprechersystem, das Stimmen, Instrumente und Räume nicht bloß vor, sondern auch hinter und über den Hörenden verortet. Sie als eingefleischte HiFi-Enthusiasten ahnen es sicherlich längst: Hier geht es um Immersive Audio in seiner kompromisslosesten Form. Die msm-studios gehören seit Jahrzehnten zu den Pionieren auf diesem Gebiet, entwickelten bereits die Pure Audio Blu-ray mit und treiben das Thema inzwischen mit der Plattform Pure Audio Streaming weiter.
Was das in der Praxis bedeutet, zeigt sich mitunter weniger in technischen Daten als in den Gesichtern derjenigen, deren Musik hier bearbeitet wurde. Künstler sollen beim ersten Hören ihrer neu gemischten Alben Tränen in den Augen gehabt und gesagt haben, dass ihre Musik endlich so klinge, wie sie sie selbst immer im Kopf gehört hätten. Und genau dafür sind wir heute hier.

Eingeladen hat Gitarrist Arne Jansen zur Dolby Atmos Listening Session seines neuen Duoalbums Short Stories, das er gemeinsam mit seinem bewährten Weggefährten, dem Cellisten Stephan Braun, aufgenommen hat. Eine Musik, die für dieses Format geradezu gemacht scheint: akustisch, reduziert, intim – und deshalb auf jedes Detail angewiesen. Jeder Ton – und sogar jeder Nicht-Ton – ist hier relevant. Wo aber nichts zugedeckt wird, geraten Raum, Atem, Anschlag und Nachhall plötzlich selbst zu musikalischem Material. Immersive Audio bedeutet hier – sowohl für das Studio als auch die Platte – also mitnichten bloß Effekt, sondern vielmehr Nähe: Man sitzt nicht vor dieser Musik, sondern mitten in ihr. Und aus jedem Lautsprecher, aus jeder Richtung kommt eine andere Facette zum Vorschein.
Während Stefan Bock, Director, Engineer & Producer, sein Studio vorstellt, erzählen Jansen und Braun den handverlesenen Journalisten die Geschichten hinter den Songs, die sie uns vorspielen. Das ist alles sehr persönlich, sehr familiär, sehr schön. Und auch sonst gibt man sich hier angenehm unkompliziert – selbst der regennasse Musikkritikerinnenbegleithund darf mit in den Hörraum.

Nachdem dieser einen bequemen Platz gefunden hat, eröffnet die Listening Session mit „Song For Issa“. Dessen sich tropfend, nachgerade traumtänzerisch herantastender Mystik-Groove verdankt sich der Erinnerung an ein Kennenlernabendessen mit dem Orchestra Baobab im Senegal, wo Jansen der Silhouetten zehn älterer Herren in langen Gewändern vor einem Sonnenuntergang ansichtig wurde – und dieses Bild prompt in einen hypnotischen Groove verwandelte, der sich schon bald in reiner Glückseligkeit ergehen wird. „Issa“ ist dabei der Vorname des Saxophonisten der Band, der, wie all seine Kollegen, aus einer Griot-Familie entstammt, was das Stück zugleich zu Reminiszenz, Miniatur-Porträt und Tribut macht.
Es folgt „Dolphin Hotel“. Trotz des Titels – der Anklänge an das in den späten Neunzigerjahren aufgekommene, den Meeressäuger zum Wappentier erkoren habende und aus unerfindlichen Gründen immens populär gewesene Genre Dream Dance fürchten lässt – stellt sich heraus, dass Jansen als großer Fan des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami vielmehr eine Idee aus dem Roman Wilde Schafsjagd aufgreift, wo ein gleichnamiges Hotel die Grenzen zwischen Realität und Magie verschwimmen lässt, eingefangen von Brauns zum Percussion-Instrument verwandelten Cello und Jansens sanft-melodiösem, dennoch funky Gitarrenton, dem etwas repetitiv Tranceartiges innewohnt, wobei er gleichzeitig unerwartete Dissonanzen, um nicht zu sagen Misstöne, ja: Abgründe aufreißt.

Auf dem Album würde nun das bewegende „The Way of Truth“ nachkommen – noch sanfter als die vorangegangenen Tracks, immer aber durch Jansens singenden Ton gekennzeichnet, an den man sich schon gewöhnt hat wie an die Stimme eines vertrauten Menschen: nicht zu laut, nie schrill, stets verständnisvoll und empathisch –manchmal aber auch einfach mitreißend. „Before The Rain“ – Anspielung auf eine Zeile des Dylan-Songs „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ – gibt sich zunehmend atmosphärisch, cinematisch, schwebend, dabei aber auch abstrakt und apokalyptisch – nur, um dann mit einer vom Cello geführten Melodie umso prächtiger zu erblühen, die von der Gitarre in slow motion aufgenommen wird, bis beide zusammenfinden. „In a Hundred Years“, das mit einem reizenden Chamber Tango-Step und einem jedem Bandoneon Konkurrenz machen könnenden Cellosolo besticht, bringt dann ein zentrales Merkmal der Platte auf den Punkt: Das Gefühl, als begänne es in Moll und endete in Dur. Als verwandle sich Melancholie, ohne je ganz zu verschwinden, allmählich in Zuversicht.
Für unser betreutes Hören setzen Jansen und Braun erst mit „96 Minutes“ wieder ein, das auf der 10-Track-Platte an sechster Stelle kommt – und damit die B-Seite eröffnet. Anspielend auf eine Reise des Cellisten nach Thailand gibt der Titel die Reisezeit mit dem Zug von Nord nach Süd wieder. Hier hört man das Cello zum ersten Mal gestrichen, wobei sein leicht elektrifizierter Ton an Kennedys Kafka-Album erinnert. Trotz distortion haben wir es aber natürlich immer noch mit leiser, akustischer Musik zu tun – doch gemessen am Albumrest ist dieses Stück fast schon Speed Metal, inklusive der schier unendlichen Fingerübungen des Gitarristen …

Auf dem Album käme nun „The Trees Remember“, wo das Duo die Rolle weiser Storyteller einnimmt, die sich gegenseitig die Erzählstränge zuspielen, sodass man sich unwillkürlich fragt, ob es sowas wie Gitarren- und Cellogriots gibt, gefolgt vom zart beschwingten „For Ever and Ever“, das sich ausnimmt wie die Liebeserklärung eines nicht mehr ganz jungen Paares, durchdrungen von Verständnis, Verzeihen und verklärten Rückblicken auf die Anfänge der Beziehung, aber auch der Gewissheit, dass das Beste noch kommt, und dem sich seltsam LoFi präsentierenden „Where Once The Water Flowed“, dem wohl sperrigsten Stück, dem das Melodiöse gänzlich fehlt, sodass das titelgebende Wasser nicht fließt, sondern ins Stocken gerät, mühsam tröpfelt und allerlei Hindernisse umfließen muss, nur, um mit seinem offenen Ende ratlos zurückzulassen. Ein Stück, das eigentümlich aus der Reihe fällt.
Live- wie Plattenpublikum werden mit dem Closer „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ wieder vollständig versöhnt, soll sich doch herausstellen, dass Jansen nicht nur ein großer Anhänger von Murakami ist – sondern auch von Bob Dylan, der sich hier nahezu nahtlos in den Jansen-Braun’schen Klangkosmos einfügt, überraschend nach Lullaby klingt und damit zum perfekten Ausklang eines Albums wird, das von Nähe, Verletzlichkeit und jener leisen Zuversicht erzählt, die nicht aus Unversehrtheit entsteht, sondern aus dem Wissen, dass man auch durch Brüche hindurch miteinander weitergehen kann.
Kurzum: Die Geschichte von „Short Stories“ ist die einer stillen, reifen Zuversicht, welche im tastenden Schwebezustand beginnt, wo Gitarre und Cello nicht als Solist und Begleitung auftreten, sondern als zwei gleichberechtigte Stimmen, die einander Themen, Erinnerungen und Bewegungen zuspielen. Immer wieder entsteht etwas zunächst Melancholisches, Brüchiges oder Ungewisses – und immer wieder finden die Stücke daraus zu Wärme, Trost und einer beinahe körperlich spürbaren Geborgenheit.

Das Album erzählt weniger von dramatischer Überwindung als von Verwandlung durch Beziehung: Dissonanzen bleiben hörbar, Abgründe verschwinden nicht, Hindernisse müssen umflossen werden. Aber keiner bleibt damit allein. Die beiden Instrumente nehmen einander auf, wechseln die Rollen, tragen und widersprechen sich, bis aus Moll nicht unbedingt Dur, aber doch Hoffnung wird. „Where Once The Water Flowed“ ist dabei der notwendige Moment, in dem die Bewegung stockt: Das bislang so selbstverständliche Fließen gerät ins Stolpern, die Gewissheit bekommt einen Riss. Umso stärker wirkt danach „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ als Schluss – nicht triumphal, sondern wie ein tröstliches Wiegenlied nach überstandener Unruhe.
Und was eben noch als räumlich aufgefächerte Aufnahme aus den Lautsprechern kam, entsteht nun in Echtzeit vor unseren Augen als kleines Live-Set, aus dem ich Ihnen „The Trees Remember“ mitgebracht habe. Das mag vielleicht nicht ganz so audiophil daherkommen wie im Listening Room, dafür aber zum Anfassen nahe:
Anschließend bleibt der Raum offen: Wer mag, hört selbstständig weiter; wer genug gehört hat, trinkt ein Bier – oder auch zwei – oder drei – und kommt mit Musikern oder Studiodirektor ins Gespräch. Der betont, dass Immersivität einfach näher an unserem natürlichen Hören sei, sodass Dolby Atmos im Grunde nichts anderes mache, als Emotionen zu (re-)produzieren und man sich folgerichtig nur als „Sortierer beziehungsweise Anrichter“ sähe. „Obwohl es ein technisches Format ist“, so Bock, „ordnet sich die Technik der Musik unter.“ Eine höchst sympathische Sichtweise – und eine, die gern Schule machen dürfte. Schließlich sollte es bei aller technischen Raffinesse nie darum gehen zu zeigen, was möglich ist – sondern darum, der Musik möglichst unmittelbar zu ihrem Recht zu verhelfen. Genau wie die Virtuosität, die auch nie für sich alleinstehen kann, ist Technik nur ein Werkzeug, das uns näher an die Musik bringt.
Wenn ein Abend genau das erfahrbar macht, wird aus einer Einladung plötzlich doch wieder etwas Besonderes.

Short Stories als 180-Gramm-Vinyl erhalten Sie wie immer direkt bei den Künstlern über Bandcamp.
Text & Video: Victoriah Szirmai
Bilder: David J. Hotz

