Very-last-minute-Geschenktipp: Black Acid Soul Deluxe-Edition – Lady Blackbird

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VERY LAST MINUTE: Geschenketipp de luxe

Lady Blackbird | Black Acid Soul Deluxe-Edition

(BMG Rights Management/Warner)

Im Grunde gibt es für Menschen, die schon alles haben, nur noch wenige sinnvolle Geschenke. Da wären zunächst jene ideeller Natur: Eine Spende in ihrem Namen an den Tierschutz, eine Baumpatenschaft, eine Fördermitgliedschaft bei Ärzte ohne Grenzen, ein Jahreslos der Aktion Mensch und dergleichen. Dann Dinge, die nicht herumstehen, sondern sich – bestenfalls unter größtmöglichem Genuss – verbrauchen lassen, ob Körperpflege oder Gaumenfreuden: erlesene Pralinés und Weine, Schaumbäder, Körperöle, you name it. Natürlich kann man auch Zeit verschenken, den gar nicht mal so heimlichen Luxus unserer Tage: für gemeinsame Spaziergänge, Kochorgien, Entrümpelungsaktionen. Als Kinder- oder Haustiersitter, um deren Menschen einen freien Abend zu ermöglichen. Als Vorleser, Spielpartner, Zuhörer. Lady-Blackbird-Black-Acid-Soul-deluxe-Edition-Doppel-CD

Wenn das alles nichts ist, bleibt nur noch: pure Opulenz. Idealerweise, ohne sich für die kommenden Jahrzehnte hoffnungslos zu verschulden. Gibt’s nicht? Gibt’s doch. Und zwar in Form der Zwei-CD Deluxe-Edition von Lady Blackbirds Black Acid Soul. Weshalb man die verschenken sollte? Nicht nur wegen des winterwunderlandweißen Covers im geschmackvollen Ton-in-Ton-Look, dessen gelackte Beschriftung sich einzig durch ihren Glanz vom Hintergrund abhebt. Sondern wegen der fünf neuen Stücke. Okay, wegen zweieinhalb der fünf neuen Stücke. Doch beginnen wir von vorn.

Auch die Zusatz-CD der Luxusedition von Black Acid Soul lässt es nicht daran mangeln, womit man besondere Ausgaben normalerweise aufpeppt: mit Remixen. In diesem Falle gibt es sechs Stück, einer von „Blackbird“, einer von „Lost and Looking“ und jeweils zwei von „Beware The Stranger“ und „Collage“. Die sind mal mehr (die gedämpfte Waber-Trompete auf dem – leider nur in Form eines Edits zur Verfügung gestellten – Chris Seefried Remix von „Beware the Stranger“ oder die an Sade erinnernden, leicht entrückten Percussionsounds auf dem Greg Foat Remix von „Collage“!), mal weniger gelungen (der synthiebasslastige, technoide Colleen „Cosmo“ Murphy Cosmodelica Remix von „Lost and Looking“ und der endgültig im enervierenden Teil von Acid House angekommene Bruise Remix von „Collage“), stören ansonsten aber nicht weiter – was sich nicht von allen neuen Stücken sagen lässt. So wird es wohl ewig das Geheimnis der Lady und ihres Teams bleiben, was mit „Feel It Coming“ bezweckt werden soll, das sich irgendwo in der Schnittmenge zu Spätachtziger-Acid House und Frühneunziger-Quietsch-SoulHop verfangen hat, oder mit „Baby I Just Don’t“, dem misslungenen Versuch, die erblühende Disco-Hymne im Stile von Sister Sledge oder Earth Wind & Fire wiederaufleben zu lassen, die obendrein eine schlechte Kopie von Chaka Khans „Eye to Eye“ ist.

Dann gibt es aber noch die ersten drei Stücke der Zusatz-CD. Fangen wir von hinten an. An dritter Stelle steht „Woman“, das zwar mit seinem nachdrücklichen Beat die folgenden, unnötig schnellen Stücke vorwegnimmt, aber noch angenehm im Kosmos ladyblackbird’scher Black & Blue-Tristesse, die mit einer Spur Sexiness gewürzt ist, wabert. Kann man so machen, und je öfter man es hört, desto besser fühlt man sich, ähnlich dem Zustand selbstwirksamer Erwartung, der einen beim Herumtanzen vor dem Kleiderschrank, während man sich für ein großes Date oder gar einen Ball zurechtmacht, überfällt.

An zweiter Stelle steht ein in bluenotereiche Pianoakkorde getauchtes Remake von Gloria Gaynors „I Am What I Am“, das von der Blackbird bis aufs Gerippe entkernt und zur minimalistischen, ja: fragilen Ballade neu zusammengesetzt wird. Kein Streichermeer, das zuckert, keine Bläserfront, die schmalzt – wer es formal puristisch mag, was den emotionalen Inhalt nur noch mehr betont, ist hier richtig. Kitsch ohne Kitsch, gewissermaßen.

Lady-Blackbird-Black-Acid-Soul-deluxe-Edition-Doppel-LP

Weswegen Sie diese Platte aber haben, verschenken und dann als Sicherheitskopie noch ein weiteres Mal kaufen müssen, ist der Deluxe Editions-Opener „Did Somebody Make A Fool Out Of You“. Vinyl-Aficionados kennen ihn schon von der im April 2022 zusammen mit „It’s Not That Easy“ auf heavyweight coke bottle green Seven-Inch-Vinyl veröffentlichten 45er-Single. Das mit kontrabassbogentremolierendem Intro eröffnende Stück, das als letztes während der regulären Album-Recording-Session in den Sunset Sound Studios in Los Angeles aufgenommen wurde, fasst nicht nur im Sinne eines Ouvertüre-Antonyms alles zusammen, was schon Black Acid Soul auszeichnete, sondern treibt es auf die Spitze: das Reduzierte, den Herzschmerz, das Southern Soulige. Vor allem aber diese unfassbare Stimme, umrahmt nur von zurückgenommenden Pianoakkorden und spärlichen Basstupfern, die es wie keine zweite versteht, jene allmenschlichen Emotionen, die bei der Konfrontation mit Verlust getriggert werden, in Melodie zu übersetzen.

Kurz: Must-Have, Must-Buy, Must-Giveaway. Notfalls als Datenpäckchen, lieber aber noch als Gutschein für die luxuriöse Doppel-Vinyl, auf die diese Very Special Edition auch gepresst wurde.

About Author

Victoriah Szirmai hört Musik und schreibt darüber. Sie studierte Musikwissenschaften mit Schwerpunkt Musiksoziologie und Rock/Pop/Jazz-Forschung sowie Philosophie und Hungarologie an der Humboldt Universität zu Berlin; außerdem Fachjournalismus mit Schwerpunkt Musikjournalismus am Deutschen Journalistenkolleg. Hier gewann sie mit ihrem Essay-Manifest „Zeit zum Hören – Plädoyer für einen langsamen Musikjournalismus" den ersten Preis des Schreibewettbewerbs „Journalistische Trendthemen". Szirmai schrieb sieben Jahre lang für das HiFi-Online-Magazin fairaudio, außerdem für die Jazzzeitschrift Jazz thing und das (ehemalige) Berliner Stadtmagazin zitty. Aktuell arbeitet sie für den Berliner tip und für Jazzthetik, das Magazin für Jazz und Anderes, wo in ihrer mit der Nachtseite der Musik flirtenden Kolumne „Szirmais Fermaten" ganz viel Anderes und vor allem Leonardcoheneskes stattfindet. Ein weiterer Interessenschwerpunkt ist ästhetische Objektivität.

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